Usagi Yojimbo and Pau Tai Teil 1: Die andere Seite des Mondes

Prolog

Die Figuren Miyamoto Usagi(1), Tomoe Ame(2), Sanshobo, Gen, Fürst Noriyuki, Fürst Hikiji und Herr Okii Ashiyubi sind von Stan Sakai erdacht und hier ohne seine explizite Erlaubnis verwendet worden. Nur für die Verwendung seiner Bilder habe ich um Erlaubnis gefragt und diese auch erhalten. Das Copyright der Bilder und Figuren liegt bei Stan. Nur diese Geschichte ist mein geistiges Eigentum.

1. Hase
2. Korrekt wäre "Ame Tomoe", denn Ame ist ihr Familienname, aber "Tomoe Ame" ist eine Süssigkeit, die Stan Sakai sehr gerne hat


Bild von Miyamoto Usagi
Quelle: Front cover USAGI YOJIMBO Volume 2, Issue 14 - Runaways Part 2
Für diejenigen, die Miyamoto Usagi nicht kennen, hier ein kleiner Überblick. Die Geschichte spielt im alten Japan, so um 1600, in einer Welt, die von Stan Sakai erfunden worden ist. Alle Akteure sind "lustige Tiere", wie Stan sie nennt, d.h. Menschen in Tiergestalt.


Fürst Mifuné
Quelle: USAGI YOJIMBO Book 2, Seite 38
Usagi ist ein Ronin, ein herrenloser Samurai. Er stand ehemals im Dienste von Fürst Mifuné, der in der Schlacht von Adachigahara gefallen ist. Der Gegner von Fürst Mifuné war Fürst Hikiji. Mifuné ist gefallen, weil er von seinem General Toda verraten wurde, der in Wirklichkeit auf Hikijis Seite stand. Als Belohnung für seine Tat wurde Toda von Hikiji seines Ranges enthoben, gefoltert und verstossen.

Fürst Hikiji mit seinem Berater Hebi (die Schlange im Vordergrund)
Quelle: Usagi Yojimbo - Der Ronin, Seite 39


Bild von Usagi Miyamoto und Tomoe Ame]
Quelle: Usagi Yojimbo Fanart
Tomoe Ame ist eine Untergebene von Fürst Noriyuki, der Usagi freundschaftlich verbunden ist, seit dieser ihm das Leben gerettet hat (Siehe Usagi Yojimbo Band 1 - Der Ronin). Tomoe ist Usagis heimliche Liebe, aber da er nur ein armer, heimat- und herrenloser Ronin ist, ist die Beziehung sehr platonisch. Dass ständig irgendwelche Feinde versuchen, einen der beiden zu töten, ist auch nicht sehr hilfreich.

Verwalterin Tomoe Ame, Fürst Noriyuki und Usagi
Quelle: Usagi Yojimbo - Der Ronin, Seite 50

Fürst Hikiji ist Usagis Todfeind. Hikiji ist für den Tod von vielen Leuten in Usagis Umfeld verantwortlich, nicht zuletzt von Fürst Mifuné, Usagis Herrn. Hikiji bedient sich gerne der Täuschung, der Erpressung und des Verrats. Viele Ninjas in Usagis Welt arbeiten für ihn.

Seit dem Tod von Fürst Mifuné wandert Usagi durch das Land. Seinen Lebensunterhalt verdient er sich, indem er sich als Yojimbo(3) verdingt.

3. Leibwächter

Flucht

Usagi spähte vorsichtig durch die Blätter des Dickichts, unter dem er sich vor seinen Verfolgern versteckte. Mit seinem verletzten Auge hätte er auch bei besserem Licht fast gar nichts mehr gesehen und auch mit dem anderen nahm er nur mehr Schemen war. Seine Verfolger verstanden es geschickt ihre Geräusche an den Wald anzupassen.

'Stammt das Rascheln links vom Wind oder einem der Ninjas, denen ich zu entkommen versuche?' fragte er sich besorgt.

Bei dem Gedanken an die Qualen der letzten Tage versteifte er sich unbewusst. Fast mit Gewalt entspannte er sich wieder.

'Weiter', zwang er sich selbst.

Fast lautlos stand er auf und schlich eilig zur nächsten Deckung, seine Sinne aufs äusserste gespannt.

Links ein Schatten. Hastig drückte er sich in den Schutz eines Baums. Zwang sich flach zu atmen. Den Schmerz in seinem gebrochenen Arm zu ignorieren. 'Hat der Ninja mich gesehen? Er kommt genau auf meine Deckung zu!'

Usagi verdeckte sein Wa(4).

4. Ausstrahlung der Seele

Wurde eins mit dem Schatten.

Als der Ninja sich ebenfalls in den Schutz des Baumes zurückziehen wollte, starb er ohne Laut. Hastig wischte Usagi den schwarzen Dolch ab. Nicht, dass ihn eine Blutspur verraten würde.

Er spielte kurz mit dem Gedanken die Kleidung des Ninjas anzulegen, aber verwarf ihn wieder. Als er das zuletzt versucht hatte, war er vor Schmerz fast ohnmächtig geworden. Er zog sich nur die schwarze Kapuze des Ninjas über, damit er mit seinem weissen Fell nicht so leicht zu entdecken war.

'Obwohl der Schmutz und das Blut, die an mir kleben, wahrscheinlich den gleichen Effekt haben.'

'Weiter. Ich muss ihre Reihen durchbrechen und zwar bald!' Schon den ganzen Tag war er auf der Flucht und immer, wenn es geglaubt hatte, den Ninjas im dichten Wald entkommen zu sein, war wieder einer von ihnen in der Nähe aufgetaucht. Er schlich weiter, peinlich darauf bedacht keine Geräusche zu erzeugen, die seine Verfolger auf seine Fährte bringen konnten. Wegen der Dunkelheit, dem tückischen Boden, der lebensnotwendigen Stille und seiner Erschöpfung kam er nur langsam voran.

Den nächsten Ninja bemerkte er erst, als er fast schon auf ihm stand. Hastig stiess er ihm den Dolch in den Hals und verzog das Gesicht, als der Schmerz in seinem gebrochenen Arm Sterne vor seinen Augen tanzen liess. Mühsam sank er zu Boden und erholte sich einen Augenblick. Ihm wurde klar, dass er nicht mehr viel Zeit hatte.

Den Abgrund hörte er kurz, bevor er ihn sah. Weit unter ihm sah er flackernde Lichter. Die Ninja-Burg, aus der er heute Morgen entkommen war. Eine Ewigkeit. Kälte machte sich in ihm breit und es hätte der Stimme hinter ihm nicht bedurft, um ihm die Aussichtslosigkeit seiner Lage klar zumachen.

"Es ist schon spät. Wir würden uns gerne auf den Rückweg machen. Der Weg ist tückisch und es wird uns den besseren Teil der Nacht kosten, wieder hinabzusteigen. Kommt Ihr?" Immer freundlich. Aber Usagi hatte schon bei seiner ersten Begegnung mit dem obersten Ausbilder der Taja-Ninjas die eiserne Härte unter der hübschen Oberfläche gespürt.

'Nie mehr.'

Mit einer schnellen Bewegung schleuderte er seinen Dolch in die Richtung, aus der die Stimme kam und sprang entschlossen vorwärts in den Abgrund. Sein letzter Gedanke galt Tomoe, die er nun nie wieder sehen würde.

Leben

Im Hof der Burg brach er zusammen, als die Ninjas endlich die Seile durchhängen liessen, mit denen sie ihn den Berg heruntergezerrt hatten. Mit denen sie ihn gefangen hatten, als er versucht hatte, sich vom Berg zu stürzen.

'Das nächste Mal', versprach er sich, 'werde ich den Dolch nicht so sinnlos wegwerfen, sondern mir damit das Leben nehmen!'

Der oberste Ausbilder hatte sich tatsächlich besorgt um seinen Gesundheitszustand erkundigt, weil der Dolch ihn verfehlt hätte, hätte er sich nicht bewegt und ihn gefangen.

Der Schmerz in seinem Arm war zu einem ständigen Martyrium geworden und er war auf weiten Strecken des Weges mehr geschleift worden als gegangen. Usagi machte sich nichts vor, er war am Ende.

Mehrere Ninjas hielten ihn fest, als der Heiler sich um ihn kümmerte. Den Arm einrichtete und schiente. Dabei war er so schwach, dass ihm selbst das Atmen schwer viel. Sie zwangen ihn zu trinken. Er wünschte sich, er hätte noch seine Zunge, um sich damit zu ersticken. Bevor er wieder an die Wand in seiner Zelle gebunden wurde, sank er erschöpft in Ohnmacht.

Sie liessen ihn am nächsten Morgen lange schlafen. Zwangen ihn mehrmals zu essen und zu trinken. Mit Bedauern spürte er seine Kräfte zurückkehren. Bald wäre er wieder kräftig genug, um wieder als Opfer am Training der Ninjas teilzunehmen. "Nichts ersetzt einen lebenden Gegner in der Ausbildung" hatte der oberste Ausbilder gesagt, als sie ihn gefangen genommen hatte.

Der Schmerz, als sie ihm seine Waffen genommen hatten.

Seine Zunge herausgeschnitten hatten, damit er sich nicht selbst töten konnte.

Immer mit ausgestreckt angebundenen Armen zu schlafen, damit er sich nichts antun konnte.

Die Folter, um ihn zu überreden an der Ausbildung als Gegner teilzunehmen.

Seine wiederholten Versuche sich zu widersetzen.

Die Qualen, die darauf folgten.

Am dritten Tag war er so weit wieder hergestellt, dass er fast den ganzen Tag wach war. Regungslos lag er auf dem harten Futon seiner Zelle und erwartete sein weiteres Schicksal. Sobald sich eine neue Möglichkeit ergab, würde er wieder fliehen. Bis dahin musste er möglichst wieder zu Kräften kommen. Seine Bewacher einlullen.

Am vierten Tag holten sie ihn ab. Sein Arm tat noch immer weh, aber es war zu ertragen. Sein verletztes Auge war gewaschen und verbunden, aber der Heiler hatte nur wenig Hoffnung, es zu retten. Der oberste Ausbilder hatte den Ninja eigenhändig geköpft, der ihn im Kampf mit dem Bokken(5) am Kopf getroffen und fast getötet hatte. Solch ein Fehler durfte einen Ninja einfach nicht unterlaufen.

5. Übungsschwert aus Holz

Usagi gab sich keinen Illusionen mehr hin: 'Sie waren gut, diese Ninjas. An meinem besten Tagen wäre ich mit drei oder vier von ihnen fertig geworden, aber kaum mit mehr.'

'Und jetzt? Zwei? Einer?'

Auf seinem Gesicht war keine Regung abzulesen, während er sich seine Chancen vor Augen führte.

'Einer.'

'Höchstens.'

Falle

Tomoe starrte angestrengt zum Wald hinüber, aber es hatte keinen Sinn mehr, heute weiterzusuchen, denn die Sonne würde bald untergehen. Ausserdem waren die Männer erschöpft. Trotz intensiver Suche hatten sie immer noch keinen Hinweis auf den Verbleib von Usagi. Alles, was sie wussten, war, dass Usagi hier durchgekommen war, aber die Suche in der zerklüfteten und unwegsamen Bergregion zog sich hin und war körperlich sehr erschöpfend.

Jeder Tag, der ohne weiteren Hinweis auf den Aufenthaltsort von Usagi verging, belastete sie alle sehr und obwohl die Männer nicht murrten, war ihr wohl bewusst, dass sie bald aufgeben musste. Und so hoffte sie jeden Tag auf einen Hinweis, irgendetwas, das die Angst in ihrem Herzen heilen würde.

Der Gedanke, dass Usagi in einer der vielen Schluchten lag, abgestürzt von einem steilen Bergpfad oder von Banditen hinterrücks ermordet, war fast nicht zu ertragen. Sie seufzte und setzte sich zum wiederholten Mal eine Frist von drei Tagen. Wenn sie bis dahin nichts gefunden hatten, dann würde sie endgültig aufgeben.

Die Männer hatten währenddessen das Nachtlager aufgeschlagen und hatten etwas von dem kärglichen Rest an Proviant verteilt.

Ein weiterer Grund die unwirtliche Region zu verlassen: Sie mussten ihre Vorräte auffrischen. Ausserdem vermutete sie, dass Fürst Noriyuki inzwischen wohl auch schon krank vor Sorge war. Ihre letzte Nachricht lag nun schon zwei Wochen zurück. Aber auch Stolz auf ihre Männer, die sie vorbehaltlos unterstützten, erfüllte sie. Sie drehten wirklich jeden Stein um und suchten selbstständig, fragten bei Reisenden, denen sie begegneten und bei den Einsiedlern, die hier lebten.

Sie gestand sich ein, dass sie niemals so viel von dem unübersichtlichen Gebiet hätte absuchen können, wenn sie ständig hätte kontrollieren müssen, was ihr Leute taten. Trotzdem war es frustrierend, wenn sie am Abend zurückkehrten und nur stumm den Kopf schüttelten. Wieder eine Hoffnung weniger. Dass die Männer am nächsten Tag wieder mit vollem Einsatz suchen würden, konnte sie auf die Dauer aber nicht vor der Frustration schützen, die jeder Abend brachte.

Als das Lagerfeuer brannte und die Wachen für die Nacht eingeteilt waren, setzte sich Tomoe etwas abseits und brütete vor sich hin. Die Männer respektierten das, aber Tomoe war sich darüber im Klaren, dass dieses dumpfe Brüten sie nicht weiter brachte. Sie war ungeheuer dankbar gewesen, als Fürst Noriyuki ihr ohne zu Zögern 10 Männer und Pferde zur Verfügung gestellt hatte, als Usagi nicht eingetroffen war.

Aber in ihrem Inneren war dieser enorme Druck; sie fühlte die Zerrissenheit zwischen dem Wunsch etwas zu tun und dem Wissen, dass es einfach nichts Sinnvolles gab, was sie hätte tun können. So ging ein weiterer Tag zu Ende und alle bereiteten sich auf die Nacht vor.

Noch einmal schaute sie zum Wald hinüber. Plötzlich, als wäre er aus dem Nichts aufgetaucht, stand ein Fremder am Rand der Lichtung. Tomoe sprang auf. "Wer ist da?"

Die Wache, die dem Fremden am nächsten stand, fuhr herum. Offensichtlich hatte sie nicht bemerkt, dass der Fremde sich ihnen genähert hatte. Tomoe schrieb diesen Umstand der Tatsache zu, dass die Frustration, die sie alle im Griff hatte.

Der Fremde stand einen Moment nur da und sprach dann mit rauer Stimme: "Mein Name ist Pau Tai. Ich bin ein Priester der Gottheit Ookaa'h. Ich sah den Schein des Feuers. Teilt ihr sein Licht mit mir?"

Bruder Pau war ein gross gewachsener Hund mit braunem Fell. Das Fell hatte grosse Flecken in den Farben Weiss und Schwarz. Vom ersten Augenblick an wusste Tomoe, dass er etwas Besonderes war und gerade deswegen fiel ihr die Entscheidung schwer. Um Zeit zu gewinnen, fragte sie: "Wie ich sehe, seid ihr unbewaffnet. Ist es nicht gefährlich in diesen Zeiten alleine zu reisen?"

Aus irgendeinem Grund fand Bruder Pau das unheimlich komisch und er lachte laut. "Diese Welt hält keine Gefahren für mich bereit", schmunzelte er schliesslich.

Er wirkte harmlos genug und Tomoe konnte wirklich nicht sagen, was sie störte. Am Ende brachte sie es einfach nicht übers Herz, den Fremden einfach abzuweisen. 'Und was könnte er schon gegen 11 erfahrene Kämpfer ausrichten?' Und so bat sie ihn heran. Zudem war es im Moment um ihrer aller Seelen nicht gut bestellt und etwas geistiger Beistand würde ihnen gut tun. Die Männer rückten auf der ihr abgewandten Seite des Feuers auseinander und schufen so eine Lücke für den Fremden. Selbst jetzt sorgten sie sich um sie und Tomoe musste unwillkürlich lächeln.

"Mein Name ist Tomoe Ame und ich stehe im Dienst von Fürst Noriyuki. Wir suchen einen Freund. Und was führt euch hierher?" fragte sie.

"Meine Kami(6) lenkte meine Schritte in diese Gegend", antwortete Pau ausweichend. "Habt ihr bereits gegessen?"

6. Gottheit

Tomoe nickte und Bruder Pau entschuldigte sich. Er holte einen Reisknödel, etwas Käse und einen Apfel hervor und begann sorgfältig zu essen. Tomoe spürte, wie ihr das Wasser im Munde zusammenlief. Seit Tagen ernährten sie sich von Dörrfisch. Pau musste ihren Blick bemerkt haben: "Möchtet ihr einen Apfel?" erkundigte er sich.

Tomoe hätte liebend gerne ja gesagt, aber es wäre ihren Leuten gegenüber nicht fair gewesen. Zu wissen, dass sie es akzeptiert hätten, machte die Entscheidung nicht leichter. Und so lehnte sie dankend ab. Aber Pau schien nicht gehört zu haben. Er bat einen der Männer um ein Messer und erhielt einen Dolch. Pau schnitt den Apfel in zwei Teile und reichte ihr eine Hälfte.

Sie wollte ablehnen, aber Pau hielt seinen Arm direkt über das Feuer und die Hitze musste sehr unangenehm sein, also nahm die den Apfel rasch und hielt ihn dann unschlüssig in der Hand. Ihn durch 11 zu teilen würde nichts nützen und so wollte sie schon bedauernd hinein beissen, als sie hörte, wie Pau einen weiteren Apfel zerschnitt.

Er schnitt noch weitere 4 Äpfel in Hälften und am Ende hatte jeder ein Stück.

"Ich war nicht auf so viele Gäste vorbereitet" entschuldigte er sich. Tomoe bedankte sich herzlich und auch die Stimmung unter den Männern war sofort viel besser. Tomoe machte sich nur Sorgen, dass sie dem Mönch sein Essen weg assen. Doch dieser wehrte ab. "Was ist schon ein Apfel gegen die Dankbarkeit im Gesicht eines Menschen?"

Dem konnte Tomoe nichts mehr hinzufügen. Genussvoll biss sie in das unerwartete Geschenk und fand es ganz köstlich. Der Apfel musste ganz frisch sein, denn er war voll und knackig und wunderbar süss. Als sie fertig war, fühlte sie sich deutlich besser und Pau lächelte zufrieden.

Während Pau ass, erzählten die Männer Geschichten und zum ersten Mal seit Tagen erfüllte ihr Lachen das Lager. Tomoe empfand eine tiefe Dankbarkeit für den Fremden.

"Ihr seid die Kuro Neko(7) aus meinem Traum", sprach Pau plötzlich. Tomoe blickte ihn überrascht an. "Ihr sucht etwas, dass ihr mit dem Symbol des Shiroi Usagi(8) verbindet."

7. Schwarze Katze
8. Weisser Hase

"Usagi!" rief Tomoe und ein Aufruhr der Gefühle tobte in ihrem Herzen. "Was wisst ihr? Wo ist er? Geht es ihm gut?"

Pau blickte sie offen an und antwortete sorgfältig: "Ich habe keine Antworten für euch, Tomoe Ame. Aber ich werde euch meinen Traum erzählen und vielleicht enthält er Antworten für euch."

"Ich sah das Symbol des weissen Hasen, den ihr Usagi nennt, auf dem Weg zu einem Ort und einer Zeit. Er war in Eile, doch alle Hast führte nicht zum Erfolg. Er fiel in eine tiefe Grube aus Händen, und so sehr er sich auch anstrengte, er konnte sie nicht verlassen. Wenn er hinunter fiel, dann fingen ihn die Hände sanft."

"Wenn er unten stand, dann schlugen sie ihn. Wenn er hoch kletterte, stützten sie ihn. Wenn er den Rand erreichte, dann warfen sie ihn zurück. Alles, was ich im Moment mit Sicherheit sagen kann, ist, dass er lebt."

Usagi war auf dem Weg zur Burg Weissreiher von Fürst Noriyuki gewesen, als er verschwand. Er hatte versprochen zum Fest der Sonnenwende dort zu sein, war aber nicht eingetroffen. Tomoe fragte sich, was diese Grube war. Aber Pau konnte ihr keine Antwort geben. "Die Träume, die ich von meiner Gottheit erhalte, sind immer wahr, aber nie einfach zu verstehen. Wenn wir Usagi finden, werden wir ihn vielleicht besser verstehen."

"Aber der Traum geht noch weiter", fuhr er fort. "Eine schwarze Katze läuft um den Ort und die Zeit, die Usagi anstrebt. Als die Zeit geht, verlässt sie den Ort mit 10 Schatten und beginnt, um die Grube zu kreisen. Doch sie kann sie nicht sehen, und sie kann die Rufe von Usagi nicht hören. Aber dann kommt die Grube zu ihr und die Schatten verlassen sie für immer."

"Dann sitzen die Katze und der Hase am Boden der Grube, aber sie sind immer noch getrennt, denn wenn der eine die Grube verlassen will, dann schläft der andere."

Pau schwieg einen Moment. "Dann zerreissen die Hände der Grube die Katze und verschlingen sie. Und kurz darauf stirbt auch der Hase."

Tomoe blickte Pau entsetzt an. "Alles, was ich sagen kann, ist, dass ihr ihn lebend wiedersehen und zusammen mit ihm sterben werdet."

Sie konnte nicht anders. "Wenn das mein Karma ist, dann werde ich es akzeptieren", antwortete sie leise, aber bestimmt.

Pau nickte, als hätte er nichts anderes erwartet. "Im Traum sind die Katze und der Hase manchmal wie die Vorder- und Rückseite einer Münze. Ist er euer Mann?"

Das tat so weh. Tomoe war selbst überrascht, wie sehr die Frage schmerzte. Wie sehr sie Usagi vermisste, obwohl es doch keine Chance für sie beide und ein gemeinsames Leben gab. Und doch, nichts wünschte sie sich sehnlicher, wurde ihr klar. Und eine Träne rann ihre Wange hinunter.

Die Männer sahen betreten ins Feuer und Pau entschuldigte sich: "Verzeiht, ich wollte nicht aufdringlich erscheinen."

Tomoe schluckte ihren Schmerz hinunter. Pau konnte ja nichts dafür. "Wo ist er?" fragte sie tapfer.

"Hier in der Nähe, aber den genauen Ort werde ich euch Morgen mitteilen."

Tomoe fuhr auf. "Ihr werdet es mir jetzt sagen!" forderte sie.

Plötzlich lag die Drohung von Gewalt fast körperlich fühlbar in der Luft. Pau blickte sie ruhig an. Weder dass sich die Gesichter ihrer Männer verfinstert hatten, schien ihm etwas auszumachen, noch dass Tomoes Hand sich um ihren Schwertgriff geschlossen hatte.

"Verzeiht", sprach Pau, "habt ihr einen Gegenstand, der Usagi gehörte? Etwas Persönliches?"

Tomoe erfasste in diesem Moment, dass sie nichts hatte. Wenn sie Usagi nie wiedersehen würde, dann bliebe ihr nur die Erinnerung. Da wäre nichts, was sie an ihn erinnern würde. Sein Lächeln. Sein Lachen. Betäubt schüttelte sie den Kopf.

"Dann gibt es keinen schnelleren Weg, als dass ich heute Nacht mit meiner Gottheit spreche und sie um das gewünschte Wissen bitte. Es tut mir Leid."

Tomoe setzte sich erschöpft wieder. "Ich muss mich entschuldigen", sagte sie leise in die Stille. "Einen Moment dachte ich, dass ihr es bereits wisst und es mir nur nicht sagen wollt. Natürlich werde ich warten, bis ihr mir Antworten geben könnt."

"Habt ihr eine Idee, was die Grube bedeuten könnte?" wechselte sie das Thema.

Pau überlegte einen Moment. "Ich vermute, dass er von Menschen gefangen gehalten wird. Aber warum sie ihn schützen und schlagen ist mir nicht klar."

Sie unterhielten sich noch eine Zeit lang und dann bat Pau darum, sich zurückziehen zu dürfen. "Es ist ... schwierig für mich mit meiner Gottheit zu sprechen und ich muss mich vorbereiten."

"Natürlich", stimmte Tomoe sofort zu. Pau erhob sich und Tomoe rief ihm noch hinterher: "Ich möchte, dass ihr eins wisst."

Pau drehte sich noch einmal um und blickte sie an. "Egal, ob ihr Erfolg habt oder nicht, ich bin euch sehr dankbar, dass ihr euch bemüht, uns zu helfen", sagte sie ernst.

Pau lächelte wieder sein seltsames Lächeln. "Was sind schon ein paar Stunden Schlaf gegen die Freude im Herzen eines Menschen." Er verneigte sich. "Ich danke auch, dass ihr meine Hilfe annehmt." Dann ging er zu einem Fleck etwas abseits und begann zu meditieren.

'Was für ein seltsamer Mensch', dachte Tomoe. Und dann kam die Angst zurück: 'Was, wenn er keinen Erfolg hat? Was, wenn er nur ein Scharlatan war, der meine Verzweiflung geschickt ausnutzt? Hält vielleicht er Usagi gefangen? Oder hat er ihn gar getötet?' Sie musste sich mit Gewalt von ihren trüben Gedanken losreissen. Sie war sehr erschöpft und legte sich bald zum Schlafen auf den Boden. Mit Gedanken an Usagi schlief sie schliesslich ein.

Irgendwann mitten in der Nacht wurde sie von einer Wache geweckt. "Bruder Pau will mit euch sprechen", sagte die Wache unbehaglich. "Er liess sich nicht abweisen."

Tomoe nickte und erhob sich steif und erschöpft. Pau stand etwas abseits der schlafenden Männer. Tomoe winkte ihn heran.

"Bewaffnete nähern sich uns. Es sind 20 und sie werden in 10 Minuten hier sein", eröffnete er ihr. Tomoe brauchte einen Moment, um zu verstehen, was das bedeutete.

'Kann ich ihm vertrauen? Sind es seine Leute? Woher weiss er wie viele es sind und wann sie hier sein werden?' überlegte sie misstrauisch.

"Woher wisst ihr das?" wollte sie wissen.

Pau rückte ein Stück von ihr fort und zeichnete ein Quadrat auf den Boden. Dann konzentrierte er sich und Tomoe konnte sehen, wie der Boden im Quadrat eine ungesunde, leuchtend grüne Farbe annahm. Sie fuhr überrascht zurück. Dann kniff sie die Augen zusammen. Die Farbe hatte eine seltsame Struktur, vertraut, aber sie konnte es nicht einordnen. Dann sah sie leuchtende, rote Punkte. Etwa ein Dutzend war in der Mitte des Quadrats und etwa zwei Dutzend bewegten sich vom Rand des Quadrats zu seiner Mitte hin.

'Wald', dachte sie. 'Die Farbe ist seltsam, aber es ist der Wald von oben! Dann sind die Punkte in der Mitte ...'

"Suzo, geht zehn Schritte nach links" bat sie die wartende Wache. Suzo war überrascht, kam dem Befehl aber sofort nach. Sie konnte sehen, wie sich ein Punkt in der Mitte bewegte. Dann rief Suzo überrascht aus. Tomoe blickte ihn an und sah, dass er erst jetzt das leuchtende Quadrat erkennen konnte. Sie winkte ab und hatte sich entschieden.

"Weckt alle! Wir werden angegriffen!" befahl sie. Sofort begann hektische Aktivität.

Pau blickte sie ernst an. "Wenn ihr kämpft, dann werdet ihr unterliegen und meine Prophezeiung wird sich erfüllen."

Tomoe blickte ihn an: "Dann sei es so."

Pau stand auf. "Wenn ihr leben wollt, dann folgt mir", versprach er und ging fort.

Tomoe war hin- und hergerissen. Am Ende machte sie sich klar, dass die Lichtung nur schwer zu verteidigen war. Vielleicht kannte Pau einen besseren Ort. Sie befahl, die Habseligkeiten rasch auf die Pferde zu laden und dann folgten sie Pau, so leise es ging.

Ein paar Meter weiter wartete Pau geduldig. "Vertraut ihr mir?" fragte er gerade heraus.

Obwohl es ihr schwer fiel, blieb Tomoe bei der Wahrheit: "Nein."

"Dann geht zurück und kämpft", gebot Pau.

Tomoe war wieder im Zwiespalt: 'Was soll ich tun? Kann ich diesem Fremden das Leben meiner Männer anvertrauen? Kann ich es mir leisten, ihm nicht zu vertrauen?' Am Ende gab die Ruhe den Ausschlag, die Pau ausstrahlte. Tomoe bildete sich ein, Leute recht gut beurteilen zu können und jemand, der sie in eine Falle führte, würde nicht so ruhig und gelassen sein. Und falls sie sich irrte, nun dann würden sie ihr Leben teuer verkaufen.

"Was sollen wir tun?" entschied sie sich endlich.

"Was auch immer geschieht, ihr dürft euch nicht mehr als 10 Schritte von mir entfernen", verlangte Pau.

Tomoe war ein wenig erleichtert. Sie würden sich sowieso nicht aufteilen, weil sie sich dann nicht gegenseitig Deckung geben konnten. Sie nickte.

"Dann kommt", sagte Pau und ging los. Leise folgten sie ihm und eine Weile war nur das sanfte Klopfen der Hufe der Pferde auf dem Waldboden zu hören. Dann hörte auch das auf, und eine seltsame Stille setzte ein. Tomoe fragte sich, was das zu bedeuten hatte, aber im Licht der Sterne sah sie Paus konzentriertes Gesicht und schluckte ihre Neugierde hinunter.

Dann blieb Pau stehen. Er drehte sich um und wies in die Richtung, aus der sie gekommen waren. "Von dort werden sie kommen."

"Verstecken wir uns nicht?"

"Es ist nicht möglich ihnen zu entkommen. Eine Flucht würde das Unvermeidliche nur hinauszögern. Aber hier kontrolliere ich die möglichen Pfade des Schicksals. Wenn ihr euch an meine Anweisungen haltet, dann garantiere ich euch, dass wir den Morgen alle unverletzt erleben werden", versprach Pau.

"Ihr könnt jetzt eure Schwerter ziehen und eure Stellungen einnehmen, wenn ihr wollt."

Tomoe runzelte die Stirn, aber beschloss noch ein Weilchen bei dem Spiel mitzumachen. 'Aber nicht mehr lange.' Die Männer sahen sich inzwischen nach einem Ort um, wo sie die Pferde festmachen konnten. Sie gaben die Zügel einem, der sich auf den Weg zu einer Baumgruppe etwas entfernt aufmachte. Dann blieb er unschlüssig stehen.

"Kann ich die Pferde dort festmachen?" fragte er schliesslich.

"Nein", lehnte Pau ab, "es ist zu weit entfernt. Ihr könnt sie mir geben."

Der Kämpfer blickte Tomoe an, die nickte. Zwei Mann begaben sich unauffällig zu Pau, um eingreifen zu können, falls er versuchen sollte, mit den Pferden zu fliehen. Wenn er es bemerkte, so zeigte er es nicht. Er nahm die Zügel in die Hand und wartete regungslos ab.

'Wie eine Statue', wunderte sich Tomoe. 'Er scheint nicht einmal mehr zu atmen.'

Leise zogen sie ihre Schwerter und warten dann ruhig ab. Kurze Zeit später hatten ihre Verfolger sie eingeholt. Schatten bewegten sich in anderen Schatten.

Tomoe wünschte sich etwas Licht, damit man mehr sehen konnte, aber Pau sagte: "Kein Licht", als hätte er ihre Gedanken gelesen. So warteten sie in der Dunkelheit ab, bis der Gegner den ersten Zug machen würde.

Schliesslich waren alle Gegner angekommen. Einen Augenblick herrschte die Ruhe vor dem Sturm. Dann rief Pau plötzlich: "Geht und ihr werdet den Morgen erleben. Greift uns an und ihr werdet alle sterben."

Ein hässliches Lachen antwortete ihm. "Wir Taja-Ninjas nehmen uns, was wir wollen. Ihr werdet uns nicht daran hindern können."

Dann ertönte ihr Kampfschrei und der Wald erwachte zum Leben ... zum Tod. Tomoe machte sich kampfbereit, aber Pau sprach traurig: "Dann sterbt."

Und Tomoe hatte plötzlich ein ganz schlechtes Gefühl. Trotz der Gefahr, in der sie sich befanden versuchte sie sich zu erinnern, wie sie gegangen waren. Wo sie jetzt waren. Das Lager hatten sie auf einem kleinen Berg in der Nähe einer steilen Klippe aufgeschlagen. Von dort hatte man einen hervorragenden Blick über das Tal darunter. Sie schluckte hart. Und während die Erkenntnis in ihr dämmerte, wurde aus dem Kampfschrei der Ninjas ein Schrei des Entsetzens.

Sie konnte sehen, wie die Ninjas im Boden versanken. Zuerst langsam und dann immer schneller. Hörte, wie ihre Schreie sich entfernten. Während die Männer verblüfft waren, überlegte sie, ob sie nach unten sehen sollte.

"Gehen wir zurück. Bleibt dicht beieinander", schnitt Paus traurige Stimme durch ihre Gedanken. Sie blickte ihn an und sah die Trauer über den Tod der Feinde. Das verwirrte sie. Es waren doch nur Ninjas?

Langsam gingen sie zur Lichtung zurück. Die Männer standen immer noch unter dem Eindruck des gerade Gesehenen und sprachen kein Wort. Tomoe prägte sich stattdessen den Weg ein, so gut sie konnte. Morgen würde sie ihn noch einmal gehen und ihren Verdacht prüfen.

In Lager angekommen sank Pau zu Boden. "Ich werde für ihre Seelen beten."

"Ich danke euch", bedankte sich Tomoe ernst.

"Ich verschmähe den Dank für den Tod von Menschen", wies er ihren Dank zurück.

"Dann danke ich euch, dass ihr das auf euch genommen habt, um uns zu schützen."

Pau blickte sie aus verschleierten Augen an. "Meine Gottheit verlangt manchmal grosse Opfer von mir", klagte er schliesslich erschöpft.

Tomoe fühlte eine grosse Bewunderung für diesen Mönch. Der nicht sprach, dass man seine Feinde lieben sollte, wie sich selbst, sondern der es tat. "Ich werde euer Gottheit ein Opfer bringen, sobald ich kann", versprach Tomoe.

Seltsamerweise zeigte Pau darauf keine Reaktion. "Ja", sagte er mit seltsamer Stimme, "das werdet ihr tun."

Dann begann er wieder zu meditieren und Tomoe fragte sich, was sich aus der Stimme herausgehört hatte. 'Verbitterung? Sorge? Warum hat er so reagiert?' wunderte sie sich. Unbehaglich legte sie sich wieder schlafen.

Als sie am nächsten Morgen erwachte, stand die Sonne bereits recht hoch am Himmel. Die Wache erklärte etwas nervös, dass Pau vor einer Weile weggegangen war. Er hatte versprochen bald wieder da zu sein. Tomoe nickte nur und die Wache war sichtlich erleichtert. Sie vermutete, dass niemand von ihnen in der Lage gewesen wäre, Pau aufzuhalten. Die Wache zeigte ihr die Richtung, in die Pau gegangen war und sie folgte ihm.

Pau war wieder dorthin gegangen, wohin er sie gestern Abend geführt hatte. Tomoe folgte den Schritten, die sie sich gestern gemerkt hatte und stand dann bald an einem Abgrund. Vom Waldrand waren es knapp 13 Schritte, bis der Boden unverhofft abriss. Gestern hatte sie 250 Schritte von der Stelle, wo sie die Ninjas erwartet hatten, bis zum Waldrand gebraucht. Nachdenklich starrte sie in die leere Luft, an die Stelle, wo sie gewesen sein mussten.

Pau war dort. Ein Ninja sass regungslos auf dem Boden und es hätte Paus Worte nicht bedurft, um ihr zu sagen, dass er harmlos war. Der seelenlose Gesichtsausdruck des Ninjas, der keine Maske mehr trug, löste trotzdem Unbehagen in ihr aus und sie fragte sich, wie mächtig Pau wirklich war. Was er tun konnte und ob sie ihre Männer notfalls vor ihm schützen konnte.

Pau stand nahe an der Kante. Sie ging zu ihm und spielte einen Augenblick mit dem Gedanken zu versuchen, ihn von der Kante zu stossen. Aber wenn er 12 Leute und 11 Pferde schweben lassen konnte, würde er bei sich alleine keine Probleme haben.

'Was er wohl tun würde, wenn ich versuchte, mich von der Kante zu stürzen?' fragte sie sich und schüttelte den Kopf, um die trüben Gedanken zu verscheuchen.

Pau reichte ihr ein schwarzes Kästchen aus einem seltsamen, glatten Material. Runde Gläser waren auf der ihr zugewandte Seite eingelassen und weiche Schalen umgaben sie. In jedem der beiden Gläser konnte sie einen Lichtfleck sehen, etwa so gross wie ihr kleiner Fingernagel. "Seht hindurch. Folgt dem Pfeil", bat Pau.

Tomoe hob das Kästchen an die Augen. Die weichen Schalen passten sich ihrer Kopfform an und so drang kein störendes Licht von der Seite an ihre Augen. Die Lichtflecke entpuppten sich als Bilder vom Talboden. 'Ein Fernglas', dachte Tomoe. 'Und welche Qualität! Ich kann fast jeden Grashalm unten im Tal sehen!'

Ein Pfeil war links oben zu sehen. Er wies nach rechts oben. Sie hob den Kopf ein wenig und der Pfeil wurde kleiner und drehte sich. Sie folgte dem Hinweis an sein Ziel. Dort unten war eine Art Burg oder ein befestigtes Haus an den Felsen auf der anderen Seite des Tales gebaut. Ein riesiger Überhang schütze es von oben. Schwarz vermummte Gestalten waren zu erkennen. Weitere Ninjas, wie die, die sie gestern angegriffen hatten. Die Burg war gut in die Umgebung angepasst und Tomoe war sicher, dass sie von unten leicht zu übersehen war. Von hier oben aus konnte man sie sehen, aber auch nur mit einem Fernglas. Mit blossem Auge wäre nichts zu sehen gewesen.

Sie beobachtete die Ninjas. Einige hatten sich auf einer Art Trainingsareal versammelt. Ein Gefangener wurde von fünf Ninjas hingeschleppt. Ein Hase mit einem hellen, schmutzig grauen Fell. Eine böse Vorahnung stieg in Tomoe auf. "Das kleine Rad drehen, um die Vergrösserung zu ändern", klang Paus Stimme auf.

Mit dem Mittelfinger der rechten Hand fand sie das Stellrad. Sie fing an zu drehen, und das Bild wurde kleiner. Also drehte sie in die andere Richtung. Bald füllte der Körper des Gefangenen das ganze Bild aus. Er hatte eine Binde am Kopf, die ein Auge verdeckte. Sein Fell war ungepflegt und sein Gang etwas unsicher. Ein Arm war geschient. Sein Gesichtsausdruck war steinern. Es war Usagi.

Tomoe schloss kurz die Augen, um Abstand zu gewinnen. 'Wie sollen wir ihn da herausholen? In der Burg lebten mindestens 100 Ninjas, eher mehr! Wir brauchen Verstärkung, aber wie lange wird Usagi noch durchhalten? Habe ich die Kraft das Richtige zu tun? Ihn zurückzulassen, bis wir mit Verstärkung zurück sind?'

Sie öffnete die Augen wieder und setzte das Fernglas ab und sah sich nach Pau um. Doch der war verschwunden. Verwirrt blickte sie sich um, aber er war nirgends zu sehen. Auch der Ninja war verschwunden. Einer Ahnung folgend, setzte sie das Fernglas wieder an die Augen und begann die Burg abzusuchen, fand ihn aber nicht.

Sie vergrösserte den Ausschnitt und dann konnte sie eine Bewegung in der Nähe der Burg ausmachen. Pau und der Ninja, jetzt wieder mit Maske, gingen auf die Burg zu. 'Wie ist er so schnell nach dort unten gekommen? Selbst, wenn er von der Kante gesprungen ist, wie hat er so schnell den Talboden erreicht? Und was hat er vor? Wenn er uns verrät, was sollen wir dann tun?'

Pau und sein Begleiter betraten die Burg, als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt. Sofort waren sie von Ninjas umringt. Paus Begleiter sprach mit einem von ihnen und ein anderer Ninja lief los. Die anderen standen kampfbereit um Pau herum, der sich interessiert umsah. Tomoe betete, dass er dort war, um Usagi zu befreien.

Nach einer Weile kehrte ein Ninja zurück. Tomoe konnte nicht sagen, ob es der gleiche war, der losgelaufen war. Die Gruppe setzte sich in Richtung des Trainingsfeldes in Bewegung. Dort angekommen, setzten sich die Ninjas, welche Pau begleitet hatten, zu den bereits dort vorhandenen Ninjas. Usagi war von einigen Ninjas an den Rand des Feldes geführt worden. Paus Begleiter verbeugte sich vor einem sitzenden Ninja. Wahrscheinlich berichtete er.

Tomoe wünschte sich einen Moment, sie könnte hören, was dort unten vor sich geht. Für sie war das Ganze eine gespenstische, lautlose Bildergeschichte.

Im Herzen des Feindes

"Ausbilder Tse", erklärte der Ninja, welcher mit Pau die Burg betreten hatte, "dieser Fremde wünscht euch zu sprechen."

Der Ausbilder sah den Ninja ohne Regung im Gesicht an. "Wo ist der Rest von deinem Trupp?" verlangte er mit ruhiger, freundlicher Stimme zu wissen.

"Tot, Herr."

"Was ist vorgefallen?"

Der Ninja zögerte: "Ich weiss es nicht genau. Sie ..."

Pau unterbrach ihn. "Ich habe sie getötet, denn sie waren ohne Nutzen für mich. Ich erzeugte eine Illusion von festem Boden und sie stürzten zu Tode. Ihr habt sie ja vorhin gefunden", behauptete er ruhig.

Der Ausbilder Tse hatte immer noch ein freundliches Lächeln im Gesicht. Es war unmöglich zu erkennen, was er dachte. "Ah, ich hatte mich schon gewundert, wie dieses Unglück hatte geschehen können. Eine Illusion also?"

Einen Moment herrschte Schweigen. "Aber ihr seid keine Illusion?" fragte er freundlich und ohne eine Spur von irgendeinem Gefühl in der Stimme. "Tötet ihn", befahl er. Sofort stürzten sich einige Ninjas auf Pau.

Eine ungewöhnliche Szene entwickelte sich. Obwohl die Ninjas sich alle Mühe gaben, konnte keiner Pau auch nur berühren. Wie Wasser umfloss er die Angriffe. Die Ninjas griffen schnell an, doch er bewegte sich langsam, fast gemächlich. Er wich nur um die allernotwendigste Distanz aus, seine Bewegungen waren gleichmässig und locker.

Irgendwann waren die Ninjas zu erschöpft, um weiterzukämpfen. Pau dagegen zeigte keine Anzeichen von Erschöpfung. 'Warum auch?' dachte sich Usagi. 'Er hat sich ja keineswegs verausgabt, hat sich immer ruhig und gelassen bewegt. Die Angriffe ins Leere laufen lassen.' Usagi war beeindruckt. Dort stand ein Meister. Allerdings war mehr als fraglich, ob er gegen die mehreren hundert Ninjas, die hier lebten, bestehen konnte. Sicher war auch er zu erschöpfen. Da sprach Pau wieder.

"Ich bin ein Priester der Göttin Ookaa'h. Meine Herrin hat mich geschickt, um Usagi Miyamoto zu finden und euch für das zu bestrafen, was ihr ihm angetan habt", verkündete Pau ruhig, als Tse die Ninjas wieder an ihre Plätze geschickt hatte. Usagi glaubte sich verhört zu haben. 'Eine Göttin sollte jemand geschickt haben, um ihn retten?' Er schnaubte. Zu viele Fluchten hatten sich als Manöver der Ninjas herausgestellt. 'Wir üben jetzt einmal mehr, wie man einen geflohenen Gefangenen wieder einfängt', dachte er bitter. 'Und so eine abstruse Geschichte soll ich glauben?'

"Tatsächlich", antwortete der Ausbilder freundlich wie immer. "Und wie wollt ihr das anstellen?"

"Holt die anderen", befahl Pau und sofort erhoben sich alle Ninjas bis auf den Ausbilder. Usagi rührte sich nicht. Wenn sie ihn weiter quälen wollten, mussten sie sich etwas Besseres einfallen lassen. Wenige Augenblicke später waren sie allein. Nur er, der Fremde, der sich Pau nannte und der Ausbilder. Dieser lächelte noch immer, auch wenn sein Lächeln kurz geflackert hatte, als die Ninjas sofort auf Paus Befehl reagiert hatten. So einfach würde er sich nicht täuschen lassen, versprach sich Usagi.

Kurze Zeit später kehrten die Ninjas in Gruppen zurück. Selbst die Wachen auf den weit entfernten Mauern waren verschwunden. Sie versammelten sich weiträumig um das Trainingsfeld, ein schweigendes Meer aus schwarzen, vermummten Gestalten. Zum ersten Mal, seit Usagi den Ausbilder der Ninjas gesehen hatte, lächelte er nicht. Sein Gesicht zeigte gar keinen Ausdruck mehr. Dann kehrte das Lächeln zurück.

"Eine Illusion?" fragte er. "Fantastisch. Beinahe hätte ich sie geglaubt."

"Natürlich ist es eine Illusion", bestätigte Pau. "Wie alles, was wir wahrnehmen."

"Verprügelt ihn", befahl er dann. Sofort stürzten sich einige Ninjas auf den Ausbilder. Usagi sah, wie dieser den ersten Angriffen geschickt auswich, aber dann verstellten ihm die nachrückenden Kämpfer die Sicht, und er konnte nur noch die Kampfschreie hören.

Dann wurde es still - die Menge teilte sich und Usagi konnte sehen, wie einige Ninjas den Ausbilder fest im Griff hatten.

Ein Anderer begann ihn zu schlagen. Der Ausbilder widersetzte sich, so gut er konnte. Er spannte Muskeln an, um die Wucht der Schläge abzufangen und so konnte er sich eine Weile halten.

Aber irgendwann, nach den fünften oder sechsten Ninja war er einfach erschöpft. Kurze Zeit später lief Blut aus seinem Mund und Usagi konnte einen Knochen brechen hören.

Der Ausbilder stöhnte unterdrückt auf und der Ninja schlug weiter auf ihn ein. Zertrümmerte den Körper und den Panzer, den der Ausbilder um sich errichtet hatte. Dann liess der Ninja von ihm ab und Pau ging zu ihm. Der Ausbilder war zusammengesackt und wurde nur noch von den Ninjas gehalten. Pau hob seinen Kopf, nahm in beinahe sanft in die Hände.

Ungläubig starrte Usagi auf die Szene. 'Was geht hier vor?' fragte er sich.

Dann schrie der Ausbilder.

Es war das entsetzlichste, was Usagi jemals gehört hatte.

Er presste die Hände auf die Ohren.

Er schrie selbst, nur um diesem furchtbaren Geräusch zu entkommen.

Es nicht mehr hören zu müssen.

Die Ninjas schwiegen.

Ein Meer aus schwarzer Stille.

Irgendwann brach es ab. Kaltes Entsetzen hatte Usagi in seinem Griff. Er zitterte und wollte nur fort von hier.

Taumelnd erhob er sich, aber plötzlich waren Ninjas überall.

Hielten ihn zurück.

Er schlug um sich, etwas brach unter seiner Faust, aber es waren zu viele.

Sie erdrückten ihn, hielten ihn.

Er wehrte sich verzweifelt, aber er konnte sich einfach nicht bewegen.

Stumme Gestalten bannten ihn an diesen Ort seiner Qual.

Irgendwann gaben sie ihn wieder frei und er brach zusammen. Die Aufregung war einfach zu viel für seinen geschwächten Körper gewesen. Er wäre schwer gestürzt, wenn ihn nicht jemand aufgefangen hätte.

Sanft wurde er auf den Boden gesetzt. Schwer atmend sass er einen Augenblick mit geschlossenen Augen da, sammelte sich. Dann kam der Moment, wo er sich entscheiden musste, die Augen wieder zu öffnen. Es fiel ihm schwer.

Er blickte in das Gesicht von dem Fremden Pau. Sie waren allein. Usagi blickte sich um. Niemand war zu sehen.

"Sie sind nicht mehr ... hier", beantwortete Pau seine unausgesprochene Frage ernst. "Ich entschuldige mich zutiefst. Ich hatte deinen geschwächten Zustand nicht berücksichtigt, als ich den Ausbilder ... brach."

Er lächelte entschuldigend. "Das hat schon andere umgehauen", versuchte er einen kleinen Scherz, um die Situation etwas aufzulockern. Usagi schwieg. Pau wartete geduldig ab.

Schliesslich begann Usagi Zeichen in den Sandboden zu ziehen. "Tötet auch mich", stand da.

"Sie sind nicht tot. Nur nicht mehr hier", korrigierte Pau ihn sanft. Pau sah ihn aufmerksam an. Dann fasste er Usagi sanft am Kinn. "Darf ich?" fragte er.

'Was spielt es noch für eine Rolle?' dachte Usagi deprimiert. Resigniert öffnete er den Mund. Pau konnte sehen, dass einige Zähne fehlten und seine Zunge. Usagi schwieg, weil er nicht mehr sprechen konnte. Nicht lallen wollte.

Pau schloss den Mund sanft, dann begann er mit geübten Bewegungen den restlichen Körper von Usagi zu untersuchen. Usagi liess es einfach geschehen. Was hätte er auch tun sollen? Er hatte selbst an den Ohren blaue Flecken.

Schliesslich setzte Pau sich hinter Usagi und legte seine Hände auf dessen Schultern. "Einfach tief und gleichmässig atmen", bat Pau. "Und aufrecht hinsetzen wäre auch nicht schlecht", meinte er mit einem fröhlichen Unterton. Umständlich tat Usagi ihm den Gefallen.

Nach einer Weile wurden die Hände enorm heiss. Mit jedem Herzschlag ging eine Welle von Wärme von ihnen aus und verbreitete sich in seinem Körper. Er konnte spüren, wie seine Lebenskraft zurückkehrte, wie die Schmerzen nachliessen und er wieder Mut fasste. Er hatte keine Ahnung, wie Pau das machte. Er genoss es einfach, gab sich dem Gefühl hin. Endlich etwas Angenehmes nach der ganzen Qual.

Und mit leichtem Bedauern nahm er wahr, dass Pau seine Hände von den Schultern löste und seinen Rücken herunterstrich. Dann sass er alleine und genoss die Wärme in sich.

Schliesslich öffnete er die Augen und blickte sich mit neuer Lebenskraft um. Noch immer waren keine Ninjas zu sehen. Natürlich war es ein neuer Trick, aber er war weitaus angenehmer, als alles, was er bisher erlebt hatte und so beschloss er noch ein Weilchen mitzumachen. Pau sass noch immer hinter ihm. Usagi stand auf und war überrascht, wie leicht es ihm wieder fiel. Er hatte kaum noch Schmerzen, wenn er sich bewegte. Er ging ein paar Schritte und blieb dann abwartend stehen.

Pau erhob sich ebenfalls und ging zu den Gebäuden der Burg. Er winkte und Usagi folgte ihm, fast schon neugierig. Zielstrebig ging Pau auf ein Gebäude zu.

Er legte die flache Hand auf die Tür und drückte sie ein. Usagi konnte hören, wie die Verriegelung mit lautem Krachen aus der Wand gerissen wurde. Pau betrat das Gebäude, das Usagi noch nie von innen gesehen hatte. Es war eine Waffenkammer. In langen Gestellen lagerten Shuriken, Schwerter, Sai und andere Mordgegenstände. Usagi blieb in der Tür stehen, während Pau durch die Regale ging.

Usagi untersuchte den Türrahmen. Es sah wirklich so aus, als hätte Pau den Riegel aus der Wand gerissen. Aber natürlich war es nur ein Trick. Er fragte sich, was passieren würde, wenn er eine Waffe aus dem Regal nahm. Pau untersuchte währenddessen verschiedene Waffen. Manche legte er zurück, andere nicht. Usagi konnte nicht sehen, was er mit denen machte, die er nicht zurücklegte, aber in den Händen hatte er sie zumindest nicht.

"Kommt ihr bitte?" rief Pau. Usagi setzte sich in Bewegung, aber er konnte immer noch nirgendwo Ninjas sehen. Pau war vor einem Gestell mit Schwertern stehen geblieben. Usagi stellte sich zu ihm.

"Welche sind eure?" fragte Pau. Usagi blickte ihn misstrauisch an, sah sich dann aber die Waffen genauer an. Schnell fand er sein Daisho(9). Er zeigte darauf. Pau blickte ihn amüsiert an, nahm das Set respektvoll aus dem Regal und überreichte es ihm. Usagi zögerte einen Moment, dann griff er danach. Nichts passierte.

9. Zusammengehörendes Paar von Schwertern

Pau ging weiter und Usagi stand einen Moment ratlos da. Dann zuckte er die Schultern und befestigte die Waffen an seinem Gürtel. Pau nahm währenddessen weitere Waffen aus den Regalen, untersuchte sie und legte manche wieder zurück. Schliesslich verliess er das Gebäude und Usagi war allein mit den ganzen Waffen. Er blickte sich um, aber sollte er versuchen noch etwas zu nehmen?

Er entschied sich dagegen und folgte Pau nach draussen. Pau war schon ein ganzes Stück voraus und Usagi blickte zum Tor der Burg. Seinem Symbol der Freiheit. 'Sollte ich versuchen, es zu erreichen?' Er musste zugeben, dass er inzwischen neugierig geworden war. Ausserdem hatte sich jeder Fluchtversuch bisher als von den Ninjas geplant herausgestellt. Also folgte er Pau weiter.

Dieser betrat das Haupthaus und ging nach oben. Usagi beeilte sich, ihm zu folgen, damit er ihn im Inneren nicht verlor. Auch hier war niemand zu sehen. Pau ging durch einen Raum, in dem Schreiber gearbeitet hatten. Usagi konnte Briefe sehen, die mitten im Text abbrachen, manche mitten in einem Kanji(10).

10. Ein Symbol in der Japanischen Schrift.

Pau öffnete eine weitere Tür mit Gewalt. Usagi sah diesmal genau hin. Pau zeigte keine Anstrengung, er stand aufrecht da und legte die flache Hand auf die Tür. Er öffnete sie so, wie Usagi eine unverschlossene Tür aufschieben würde. Nur das laute Krachen des Schlosses und das Ächzen der Tür verrieten, dass hier weitaus grössere Kräfte am Werk waren.

In dem Raum stand eine Kiste am Boden und Pau brach sie auf. Geld. Pau schloss die Kiste wieder und dann verschwand sie komplett. Usagi stand mit offenem Mund da. Nur der Fleck am Boden und an der Wand zeugte davon, dass da etwas gewesen war. Als Pau sein Erstaunen sah, da lachte er freundlich.

"Noch etwas? Einen anderen Gegenstand, den ihr vermisst?" fragte er. Usagi schüttelte nur den Kopf. "Dann kommt, wie gehen."

Aber sie verliessen die Burg natürlich nicht. Pau führte ihn zu einem Gebäude, das direkt an die Felswand gebaut war. Diese Tür war nicht verschlossen und Pau ging hinein. Im Inneren war es dunkel und Usagi konnte nichts sehen. Ein leises, knackendes Geräusch ertönte. Dann glühte Paus Hand auf und Usagi konnte sehen, wie er sie schüttelte.

Das Licht wurde langsam heller. Pau hielt ihm die Hand hin und Usagi konnte sehen, dass es nicht die Hand war, die glühte, sondern ein kleiner Stab, den er in der Hand hielt. Er erstrahlte in einem grünlich blauen Licht.

"Nehmt den Leuchtstab", forderte Pau ihn auf. Vorsichtig griff Usagi danach. Zu seinem Erstaunen war der Stab kühl und nicht heiss, wie er erwartet hatte.

"Nach euch." Pau war unter einer Leiter stehen geblieben, die zu einem Loch in der Decke führte. Usagi nahm den Stab in die linke Hand, deren Arm er vor kurzem gebrochen hatte und der immer noch leicht pochte. Etwas umständlich begann er zu klettern.

Oben angekommen konnte Usagi sehen, dass ein Stollen in den Berg getrieben worden war. Pau folgte ihm und wartete, bis Usagi den Gang betreten hatte. Stufen waren in den Boden des engen Ganges eingehauen, die sehr steil nach oben führten. Usagi konnte hören, wie Pau ihm folgte.

Eine Weile ging es nach oben, dann sah Usagi plötzlich Licht. Sonnenlicht. Er trat ins Freie und stand am Rand eines kleinen Plateaus, das vor ihm sanft abfiel. Darunter musste sich die Burg befinden. Hinter ihm war ein einladender Wald. Er trat beiseite, als Pau aus dem Tunnel trat. Sollte er jetzt einen Fluchtversuch unternehmen?

Pau kümmerte sich nicht weiter um ihn. Er ging ein Stück das Plateau hinunter. Dann ein wenig darauf herum. Er blickte die ganze Zeit nach unten und irgendwann hatte er wohl gefunden, was er suchte. Für Usagi sah die Stelle nicht anders aus, als der Rest.

Pau wandte ihm den Rücken zu und kniete sich hin. Er atmete tief durch und legte dann eine flache Hand auf den Boden. Einen Moment sass er regungslos da. Dann hörte Usagi ein Knirschen, das ihm durch Mark und Bein ging. Eine dünne Linie bildete sich plötzlich unter der Hand von Pau. Sie reichte so weit, wie Usagi sehen konnte.

Ein Geräusch ertönte, wie wenn eine riesige Eisscholle brach, nur irgendwie heller und sehr viel lauter! Die Linie wurde rasch breiter und dann sackte das Plateau ab. Usagi konnte nicht glauben, was er da sah. Pau hatte den Felsüberhang abgebrochen, unter dem die Burg errichtet worden war! Der Boden zitterte. Ein enormer Lärm erfüllte die Luft und Usagi hielt sich die Ohren zu. Aber das Geräusch ging an seinen Ohren vorbei und schien direkt in seinem Kopf zu entstehen.

Pau kam zu ihm zurück und blieb vor ihm stehen. Er lächelte seltsam. Dann riss er plötzlich beide Arme empor und eine riesige Staubwolke schoss aus der Tiefe hervor, als hätte er sie herbeigerufen, und hüllte alles ein. Usagi schloss die Augen und hielt den Atem an, aber plötzlich war es ganz still.

Überrascht blinzelte Usagi vorsichtig. Der Staub hüllte sie ein, aber er roch ihn nicht. Er biss nicht in seine Augen. Nur der Boden war immer noch nicht zur Ruhe gekommen.

Usagi konnte Pau lachen hören. "Was für ein Schauspiel!"

Auf Usagis erstaunten Blick erwiderte er: "Ein Schild. Er hält den Staub ab. Siehst du?" er zeigte auf den Boden.

Usagi konnte sehen, wie sich dort Staub ansammelte. Heftiger Wind riss an ihm, aber im Innern einer Kugel, deren Mittelpunkt Pau zu sein schien, regte sich kein Lüftchen. Draussen riss der Wind Sträucher und kleinere Bäume aus und inmitten der Zerstörung war eine Insel des Friedens.

'Ein Traum', dachte Usagi betäubt. 'Oder ich muss verrückt geworden sein.' Es war unwirklich. 'Hat das wirklich gerade stattgefunden?' Usagi schwankte zwischen Hoffnung und Angst. Angst, es könnte nur ein sehr komplizierter Trick der Ninjas sein. Hoffnung, den Ninjas entkommen zu sein. Angst, einem noch grösseren Übel in die Hände gefallen zu sein.

Der Staubsturm hielt eine ganze Weile an. Irgendwann wurde Usagi langweilig, die Staubschwaden draussen zu beobachten und er näherte sich der unsichtbaren Hülle, die sie umgab. Zu sehen war gar nichts. Nur der Staub konnte sie wahrnehmen.

"Ihr könnt den Schild gefahrlos berühren", versicherte Pau. Vorsichtig streckte Usagi eine Hand aus. Er fühlte ... etwas. Die Barriere war völlig glatt, seine Hand rutschte ohne Widerstand darauf hin und her. Er konnte dagegen drücken, bis er seitlich abrutschte aber sie gab kein bisschen nach.

"Ich hätte mich setzen sollen", seufzte Pau. "Das wird noch eine ganze Weile so gehen." Usagi blickte ihn fragend an.

Pau wies auf die Stelle, wo der Schild den Boden berührte. "Er geht durch den Fels", erläuterte er. "Da ich immer im Mittelpunkt bin und der Schild teilweise im Fels steckt ..." Er hob beide Füsse an und schwebte. Ein seltsamer Anblick. Er hing ganz ruhig in der Luft, nicht wie an einer Schaukel.

Dann setzte er wieder beide Füsse auf den Boden und stiess sich ab. Usagi konnte sehen, wie er einen Überschlag machte. Pau grinste schief. "Sieht ganz nett aus, ist aber völlig nutzlos."

'Ziemlich unpraktisch', dachte Usagi bei sich. 'Man kann damit nicht kämpfen und sobald man ihn einschaltet, ist man ein stehendes Ziel. Selbst wenn keiner hineinkommt, dann müssen die Feinde draussen einfach nur abwarten, bis man verhungert.'

Dann fiel ihm etwas ein: 'Oder erstickt! Wir sind zwei. Was passiert, wenn Pau ohnmächtig wird?'

Pau schien seine Gedanken zu erraten. "Ich schätze", begann er, "wir haben hier drin für vier Stunden Luft. Bis dahin sollte sich der schlimmste Staub gelegt haben und ich kann den Schild fallen lassen."

Er zuckte mit den Schultern. "Und falls nicht, dann fressen wir halt etwas Staub."

Usagi setzte sich hin und untersuchte seine Schwerter. Pau hinderte ihn nicht daran. Wie auch? Er konnte ja nicht aus der Mitte der Kugel heraus. Einen Moment sinnierte Usagi, was wohl geschehen würde, wenn er versuchen würde, Pau zu töten. Schliesslich war das ja nur ein Traum. Niemand konnte einfach so einen 200 Meter breiten Felsvorsprung abbrechen. Oder 300 Ninjas in einem Augenblick verschwinden lassen. Oder einfach so eine Tür aufzwingen.

Aber er würde sich selbst treu bleiben und sich nur verteidigen, wenn er angegriffen wurde. Selbst in einem Traum. Das Einzige, was schade war, war, dass er sich nicht mit Pau unterhalten konnte. Es war so lange her, dass er mit jemanden hatte reden können. Selbst wenn es nur eine Einbildung war.

Er blickte sich um, aber da war nur nackter Fels. Er hätte in Staub zeichnen können, aber der war draussen. Wenn er mit Pau hätte reden können, dann hätte er ihn bitten können, den Schild kurz fallen zu lassen. Nur, dass er das dann natürlich nicht gebraucht hätte. Er seufzte.

"Ich bin neugierig, warum meine Göttin mich hierher geschickt hat, um euch zu finden", sagte Pau. "Erzählt mir doch etwas von euch", bat er. Usagi sah ihn säuerlich an.

Pau nahm ein kleines Rechteck aus seiner Kleidung und einen kleinen Stab. Er hielt Usagi beides hin. Usagi stand auf und sah es sich an. Es handelte sich um einen Stift und ein graues Rechteck mit einem schwarzen Rand. Im Rand war ein Schlitz über die ganze Länge des Rechtecks und an einem Ende des Schlitzes befand sich ein Knopf.

"Hier", sagte Pau und zeichnete mit dem Stift auf dem grauen Teil. Wo der Stift die Tafel berührte, blieb eine Markierung. "Und so kannst du wieder löschen.". Er bewegte den Knopf entlang des Schlitzes zur anderen Seite der Tafel und Usagi konnte sehen, wie die Zeichnung wie von Zauberhand verschwand.

Pau gab ihm das Rechteck und Usagi begann zu schreiben. Es war ungewohnt, denn der Stift war sehr spitz und Usagi war es gewohnt mit einem Pinsel zu arbeiten. Nach einer Weile war er zufrieden und hielt das Ergebnis zu Pau hoch. "Wer seid ihr?" stand da.

"Nun, ich hatte mich ja schon unten vorgestellt", begann Pau. "Meine Gottheit hatte mir einen Traum geschickt. Ich sah einen weissen Hasen, der in eine Grube gefallen war. Also zog ich los, um ihn ... dich herauszuholen."

Usagi löschte die Schrift und begann von Neuem zu zeichnen. "Warum?"

Pau lachte. "Ich gebe dir hiermit die Erlaubnis, meine Herrin selbst zu befragen, solltet ihr sie treffen." Er wurde wieder ernst. "Meine Göttin spricht häufig in Rätseln und Bildern, deren Inhalt sich auch mir nicht immer sofort erschliesst. Vielleicht ist ein treffendes Bild, dass wir beide verschiedene Sprachen sprechen und beide ein paar Brocken der jeweils anderen. Damit versuchen wir uns zu unterhalten, aber es ist einfach sehr schwierig etwas Kompliziertes zu übermitteln."

Er lächelte versonnen. "Ich hatte mich einmal in einer Wüste verirrt. Also bat ich meine Göttin um Einsicht, wo ich Wasser finden könnte." Lachend fuhr er fort: "Sie liess es drei Tage ohne Unterlass regnen! Beinahe wäre ich ertrunken."

Selbst Usagi musste bei der Vorstellung schmunzeln. Pau fuhr fort: "Dann fand ich endlich eine Oase und traf dort auf andere Reisende. Ich war ziemlich erschöpft und wohl auch wütend. Tja und nach dem vierten Krug Wein beschwerte ich mich dann bitter, wie schrecklich mein Schicksal war."

Er schnaubte. "Es stellte sich heraus, dass diese Leute eine Legende hatten, dass jemand es drei Tage und Nächte regnen lassen würde und dass diese Person alle ihre Probleme lösen und sie ins gelobte Land führen würde, wo Milch und Honig fliessen. Ratet mal, was passierte." In gespielter Verzweiflung liess Pau den Kopf hängen und Usagi musste jetzt wirklich lachen.

Es klang seltsam, ohne Zunge, aber was sollte er machen? Er würde sich daran gewöhnen. Auf keinen Fall würde er für den Rest seines Lebens aufhören zu lachen, schwor er sich.

Pau erzählte immer weiter und am Ende lag Usagi erschöpft auf dem Rücken. Er atmete schwer. Noch nie in seinem Leben hatte er so viel gelacht. Es war ein schöner Traum und er hoffte, dass er nie zu Ende gehen würde.

Der Staub umgab sie noch immer und erzeugte ein unwirkliches, rötliches Licht. Pau blicke sich um und sagte dann säuerlich: "Mir wird langsam langweilig. Während du dich prächtig amüsierst, hänge ich hier nur so rum."

Er winkte Usagi heran und hob ihn mühelos hoch. "Augen zu und Luft anhalten", kam die Anweisung. Usagi kam ihr nach und hatte kurz den Eindruck von Bewegung.

"Hast du Höhenangst?" fragte Pau. 'Muss er das jetzt fragen?' dachte Usagi und schüttelte den Kopf. Er hielt immer noch den Atem an und die Augen geschlossen.

"Dann kannst du die Augen jetzt wieder aufmachen."

Vorsichtig öffnete Usagi die Augen und sah eine grau-rote Wolke unter sich. Wie ein langsamer Fluss bedeckte sie das Tal. Obwohl inzwischen sicher ein oder zwei Stunden vergangen waren, hatte der Staub sich immer noch nicht gesetzt. Dann traf es Usagi wie ein Schlag: Pau flog.

Der Boden war weit unter ihnen. Usagi konnte winzige Bäume sehen und das Nachbartal. Wie ein Teppich lag es unter ihm und es war ganz still. Nur das leise Wispern des Windes war zu hören.

Voller Staunen sah Usagi sich um. "Möchtest du es einmal alleine versuchen?" erkundigte sich Pau. Natürlich, es war ja nur ein Traum. Vorsichtig löste Usagi seinen Griff, bis Pau ihn schliesslich nur noch locker am nicht ganz ausgestreckten Arm hielt. Usagi hatte alle Viere von sich gestreckt und lag in der Luft, wie in einem grossen See und blickte nach unten. Dann glitt er aus Paus Griff.

Er schwebte! Leicht wie eine Feder und der Boden drehte sich langsam unter ihm. Er schlug einen Purzelbaum und die Welt rotierte um ihn. Wie ein Falke stürzte er in die Tiefe und schoss wieder empor. Sein Gesicht strahlte und Tränen des Glücks rannen über seine Wangen! Es war herrlich. Ganz gab er sich dem Gefühl hin und er vergass alles um sich. Der Himmel war die Grenze.

Pau nickte zufrieden. Als Usagi sich ganz in der neuen Empfindung verloren hatte, flog er zu Tomoe zurück. An der Kante standen ein paar von Tomoes Leuten, aber sie war nirgends zu sehen. Als Pau sich näherte, lief einer in den Wald und als Pau landete, kam er mit Tomoe zurück.

Die Männer hielten einen respektvollen Abstand zu Pau. Ganz geheuer war ihnen der Priester nicht. Zu viele seltsame Dinge hatten sie heute gesehen. Tomoe kam sofort zum Punkt.

"Wo ist Usagi?" forderte sie zu wissen.

"Erholt sich noch ein bisschen", beruhigte sie Pau. "Eine schwere Zeit liegt hinter ihm und das belastet ihn stark."

"Wie geht es ihm? Er sah nicht gut aus!"

Pau zögerte einen Moment und Tomoe fürchtete schon das Schlimmste. "Er wird leben", sagte Pau schliesslich ernst. "Aber eine Weile brauchen, bis er sich erholt hat. Zwar sind die einzigen Stellen an ihm, wo er keine blauen Flecken hat, zwischen den Fingern, aber er hat keine Verletzungen, die ich nicht in den Griff bekommen könnte."

"Was ist mit seinem Auge?"

Pau zuckte mit den Schultern. "Das ist kein Problem. Die fehlende Zunge belastet ihn schon mehr und sie haben ihm auch noch einige Zähne ausgeschlagen." Er seufzte. "Bis so etwas verheilt ist, das dauert immer lange."

Tomoe wurde vor Schreck ganz bleich, aber Pau sah oder beachtete es nicht. "Etwas anderes ist jetzt wichtiger", begann er. "Ich möchte, dass ihr nicht erschreckt, wenn ihr ihn das erste Mal seht. Er sieht schlimm aus, aber seine körperlichen Wunden kann ich heilen."

"Ihr seid so wichtig für ihn, wie er für euch. Wenn er denken sollte, dass ihr ein Monster in ihm seht, dann wird ihn das sicherer umbringen, als wenn man ihm den Kopf abschlagen würde."

Tomoe fing sich und versprach tapfer, dass sie darauf achten würde. Pau lächelte aufmunternd. "Gut, dann werde ich ihn vorher noch in einen See tauchen, damit wir nicht nachher eine peinliche Szene erleben. "Hallo, Tomoe"" sagte er mit leicht veränderter Stimme und dann: ""Kennen wir uns?"" mit einer perfekten Imitation der reservierten Stimme von Tomoe.

Trotz der Situation musste Tomoe lachen. "Wir werden hier warten", versprach sie.

"Gut", schloss Pau, "wir sind zum Mittagessen zurück", und hob ab.

"Nur mit Usagi" rief Tomoe ihm hinterher.

"Mit Usagi!" rief Pau zurück. Dann schoss er davon und Tomoe blieb mit ihren Gedanken zurück. Sie gab ihren Männern die Anweisung weiter zu beobachten. Dann ging sie ins Lager zurück, um etwas zu meditieren und so die Kraft zu sammeln, die sie brauchte, um Usagi gegenübertreten zu können.

Usagi hatte unterdessen den kleinen See im Nachbartal selbst entdeckt und landete leichtfüssig am Ufer. Obwohl er das noch nie zuvor gemacht hatte, ging es ganz leicht. Irgendwie passierte genau das, was er sich vorstellte.

Das Wasser war eiskalt, aber er fühlte sich so schmutzig, dass es ihm egal war. Er warf seine dreckigen, zerrissenen Kleider auf einen Stein und legte seine Schwerter sorgfältig daneben. Vorsichtig tasteten seine Hände nach dem Verband an seinem Kopf. Er löste den Knoten und nahm ihn langsam ab.

Er öffnete sein verletztes Auge, sah aber nichts. Einen Moment drohte die Enttäuschung ihn zu übermannen, aber dann straffte er sich wieder. Noch war er nicht blind und er würde lernen, damit zu leben, wie mit seiner fehlenden Zunge. Und den fehlenden Zähnen. Brei zu essen war immer noch besser als der Tod.

Langsam watete er in den klaren, kalten Gebirgssee hinein. Die Kälte biss unangenehm in seine Haut, aber er ertrug es. Hastig und dennoch gründlich reinigte er sich. Zitternd vor Kälte, aber sauber, hastete er zurück zum Ufer, wo Pau inzwischen aufgetaucht war. Pau stand mit dem Rücken zu ihm und blickte in den Wald.

Plötzlich tauchten zwischen den Büschen Bewaffnete auf. Wegen der grossen Entfernung und seinem verletzten Auge konnte Usagi nicht genau erkennen, ob es sich um Samurai oder Banditen handelte. Usagi fluchte innerlich und watete schneller. Ihm wurde schnell klar, dass er das Ufer nicht rechtzeitig erreichen würde.

Die Bewaffneten umringten Pau weiträumig. Dann erschienen Reiter zwischen den Bäumen und Bannerträger. Usagi sah das Wappen des Shoguns und war etwas beruhigt. Zumindest waren es keine Banditen. Pau erwartete sie ruhig.

Als die Reiter Pau erreicht hatte, gelangte Usagi endlich in flachere Regionen und kam schneller voran. Er lief zum der Stelle am Ufer, wo seine alten Kleider lagen. Einige Bewaffnete hatten ihn bemerkt und kamen ihm entgegen. Schnitten ihm den Weg ab. Usagi wurde langsamer und überlegte noch, was er tun sollte, als ein Befehl herüberklang, ihn passieren zu lassen.

Die Soldaten bildeten eine Gasse und liessen ihn vorbei, aber ihre Aufmerksamkeit liess keinen Moment nach. Usagi konnte sehen, wie der Anführer mit Pau sprach, aber er konnte nichts verstehen. Leichter Ekel machte sich in ihm breit, wieder die alte, dreckige Kleidung anzulegen.

Dann erreichte er den Fels und fand zu seinem Erstaunen frische Kleidung und noch dazu von exzellenter Qualität. Ausserdem lag dort ein grosses, weisses Handtuch bereit. Usagi trocknete sich hastig ab und zog dann die frische Kleidung an. Der Stoff war wunderbar weich und angenehm.

Nachdem er sich angezogen hatte, musste er sich entscheiden, ob er nach seinen Waffen greifen sollte. Noch immer war er von Soldaten umringt. "Ihr könnt eure Waffen aufnehmen, aber langsam."

Beruhigt kam Usagi der Aufforderung nach. Sorgfältig knotete er sein Daisho am Gürtel fest. Dann erhob er sich wieder und in dem Moment rief Pau auch schon nach ihm. Die Soldaten bildeten eine Lücke und er ging ruhig, aber nicht langsam zu Pau und den Reitern.

Neben Pau blieb er stehen und verbeugte sich. Pau sprach: "Major Xan, dies ist Usagi Miyamoto. Er hat sich mehrere Wochen in der Gewalt der Ninjas befunden, die ihr sucht."

"Tatsächlich", antwortete Major Xan mit ruhiger Stimme. Weder sein Gesicht noch seine Stimme verrieten, was er damit meinte. "Nun, dann könnt ihr uns sicher einiges über sie sagen."

"Das wird nicht notwendig sein", widersprach Pau. "Das Ausbildungslager der Ninjas befand sich unter dem Felssturz, dessen Rauchwolke ihr dort sehen könnt", er wies auf die Wolke, die noch immer aus dem Nachbartal quoll.

Major Xan drehte sich nicht um, sondern blicke Usagi weiterhin direkt an. Usagi erwiderte den Blick. "Und ihr sagt nichts?"

Usagi schüttelte bedauernd den Kopf und griff in seinen Ärmel, um die Schreibtafel herauszuholen. Da klang Paus Stimme bereits wieder auf: "Die Ninjas haben ihm jede Möglichkeit genommen, sich ihnen zu entziehen."

Usagi sah ihn säuerlich an. Major Xan zeigte noch immer keine Regung. "Und wie ist er entkommen?"

"Ich konnte die Ninjas überreden zu ... verschwinden", antwortete Pau trocken.

"Tatsächlich." Major Xan war nicht anzusehen, ob er ihm glaubte oder nicht. Er überlegte einen Moment. "Ihr werdet uns begleiten. Sobald sich der Staub gelegt hat, werden wir uns zusammen dort umsehen."

"Es tut mir Leid", bedauerte Pau, "wir beide haben noch eine Verabredung, die wir nicht verpassen dürfen. Aber wir werden in einigen Wochen in Edo wieder auf euch treffen, dann werden wir gerne eure Fragen beantworten." Er lächelte entschuldigend. Dann hoben sie langsam vom Boden ab und Usagi konnte die überraschten Schreie der Soldaten hören.

Plötzlich hatten einige Soldaten Pfeil und Bogen in der Hand, aber Major Xan hielt sie mit einer Handbewegung zurück. "Eure Weisheit spricht für euch", lobte Pau. Er legte den Kopf schief, dann fügte er noch hinzu: "Auch wenn der linke Weg beschwerlicher zu sein scheint, so ist er doch der sicherere."

Pau verneigte sich nochmal und dann schossen sie nach oben und nach wenigen Augenblicken waren die Menschen klein wie Ameisen. Major Xan blickte ihnen nachdenklich nach, dann befahl er das Lager aufzuschlagen.

Oben schrieb Usagi auf seine Tafel. "Wer wartet?" las Pau. "Die schwarze Katze, die den weissen Hasen sucht", kam die orakelhafte Antwort.

Usagi zog fragend eine Augenbraue hoch. "Tomoe", erklärte Pau.

Usagis Herz sprang vor Freude und gefror gleichzeitig zu Eis. Er würde sie wiedersehen! 'Kann ich ihr mit diesem zerstörten Körper unter die Augen treten? Sie mit meinen Verletzungen belasten?' Zweifel nagte an ihm und er hatte Angst. 'Was soll ich nur tun? Pau alleine vorschicken? Ihn bitten, ihr zu sagen, ich sei tot, damit sie mich in Erinnerung behalten konnte, wie ich gewesen war?'

"Sie stand die ganze Zeit auf der Klippe gegenüber dem Lager und hat alles gesehen", zerstörte Pau Usagis Hoffnungen beiläufig. Seine Verzweiflung wuchs. "Sie weiss es bereits", fügte Pau ruhig hinzu.

Usagi hing einfach nur da, unfähig eine Entscheidung zu treffen. Vor allem jetzt, wo nur noch eine möglich war. Er konnte es noch hinauszögern, aber Pau hatte ihm jeden Ausweg genommen. Schliesslich liess er den Kopf hängen und nickte hoffnungslos.

Langsam setzten sie sich in Bewegung und Usagi sammelte sich etwas. Er durfte es Tomoe nicht noch schwerer machen, als es ohnehin schon war. Bald kam die Klippe näher und Usagi konnte einige Männer mit dem Wappen von Fürst Noriyuki erkennen, die sie bereits erwarteten.

Die Männer machten respektvoll Platz, als sie landeten. "Pau-shinkan(11), Usagi-san(12)" begrüsste einer sie und lud sie ein, ihm zu folgen. Dann war es soweit.

11. Priester
12. Formelle Anrede. Herr oder Frau.

Tomoe erblickte ihn und sprang sofort auf. "Usagi!" rief sie und lief zu ihm herüber und umarmte ihn, legte ihren Kopf auf seine Schulter. "Usagi", sagte sie immer wieder und Usagi konnte hören, wie sie kaum die Tränen zurückhalten konnte. Nicht auszudenken, wenn sie jetzt vor ihren Leuten in Tränen ausgebrochen wäre! So schloss Usagi sie in die Arme und ertrug den Schmerz geduldig, den ihre Umklammerung für ihn bedeutete.

So standen sie lange und ungestört. Als sie sich endlich voneinander lösten, waren alle um sie herum mit irgendwelchen wichtigen Dingen konzentriert beschäftigt. Niemand würdigte sie eines Blickes und Usagi empfand grosse Dankbarkeit für die ehrenvolle Art und Weise, wie Tomoes Männer ihre Privatsphäre respektierten.

Pau war mit einer Art Suppe beschäftigt und einer der Männer half ihm. Als Usagi und Tomoe ans Feuer traten, rief Pau alle zusammen und gemeinsam assen sie.

Dann sah Usagi, wie Pau plötzlich erstarrte, den Löffel in die Suppe zurücklegte und schauerlich zu fluchen anfing! Entsetzt überlegte Usagi, was schief gelaufen sein könnte und er sah an den bleichen Gesichtern der anderen, dass sie ähnliche Gedanken hegten.

Irgendwann beruhigte sich Pau wieder und setzte sein Mal verbissen fort. Alle anderen starrten ihn an, bis er aufblickte und ihre Blicke bemerkte. "Was?" begann er und seufzte dann.

"Usagi, erinnerst du dich, wie wir in der Burg umher gelaufen sind deine Schwerter und das Geld eingesammelt haben?" Usagi nickte. "Und was haben wir vergessen?" fragte Pau eindringlich.

Usagi überlegte angestrengt, aber weder ihm noch den anderen wollte etwas einfallen. "Die Vorratskammer!" rief Pau aus. "Jetzt sitzen wir hier bei Dörrfischsuppe und dabei könnten wir alles Mögliche haben! So etwas Dämliches aber auch!"

Und alle mussten lachen. Die Männer klopften Pau aufmunternd auf die Schultern, der wie ein Häufchen Elend da sass.

Nach dem Essen schlug Tomoe vor, sofort nach Burg Weissreiher aufzubrechen und lud Pau ein, sie zu begleiten.

"Für ein Treffen mit Fürst Noriyuki ist es noch zu früh", lehnte Pau ab. "Aber", wandte er sich an Usagi, "ich kann euch anbieten eure Verletzungen zu heilen."

Usagi legte den Kopf schief. "Nein", antwortete Pau, als ob er seine Gedanken lesen könnte, "ich meine nicht eure blauen Flecken oder den gebrochenen Arm."

"Als ich das letzte Mal nach Hause kam, fehlte mir ein Arm", fuhr Pau fort und streckte den linken Arm aus, bewegte die Hand und die Finger. Einen Augenblick war Usagi zu keiner Bewegung, zu keinem Gedanken fähig.

"Ich könnte wieder sprechen?" kritzelte er schliesslich. Pau nickte einfach. "Es ist eure Entscheidung. Manche lehnen so etwas ab."

Usagi zögerte und dachte nach, was das bedeuten könnte. "Werde ich die Zunge eines Toten bekommen?" fragte er schliesslich vorsichtig.

Pau lachte auf. "Nein, ich kann den Körper selbst dazu bewegen, die verloren gegangenen Teile neu wachsen zu lassen."

Usagi nickte, dann verneigte er sich tief. "Ich danke euch, dass ihr euch von mir helfen lasst", verkündete Pau. "In diesem Fall treffen wir uns in etwa drei bis vier Wochen in der Burg von Fürst Noriyuki."

Tomoe blickte Usagi an, dann verlangte sie, sie zu begleiten. "Ich werde Usagi nicht mit euch alleine lassen", entschied sie. Sie wies ihre Männer an, alleine zur Bug von Fürst Noriyuki zurückzukehren.

Unerwarteter weise weigerten die Männer sich. "Fürst Noriyuki hat uns die ausdrückliche Anweisung gegeben, nicht ohne Lady Tomoe zurückzukehren und sie unter keinen Umständen alleine zu lassen", bedauerte einer. "Wir werden euch ebenfalls begleiten."

Pau lehnte das ab. "Ich kann Lady Tomoe und Usagi akzeptieren, aber mehr nicht."

Er wandte sich an die Männer. "Ich garantiere für die Sicherheit von den beiden. Ich gebe euch mein Wort, dass ihr sie unverletzt wiedersehen werdet. Und glaubt mir", schloss er mit einem diabolischen Unterton, "ich bin mit weitem Abstand das Schlimmste, was hier herumläuft."

Die Männer waren sich darüber im Klaren, dass sie gegen den Willen von Pau nichts unternehmen konnten, aber sie wollten sich auf keinen Fall einem klaren Befehl ihres Fürsten widersetzen.

"Dann macht doch Folgendes. Dort unten im Tal werdet ihr auf die Männer von Major Xan treffen. Sagt ihm, dass Bruder Pau Tai euch schickt und berichtet ihm alles, was ihr von hier oben gesehen habt. Major Xan wird nach Edo zurückkehren und ihr könnt ihn ein Stück begleiten. Das wird einige Zeit in Anspruch nehmen. Dann müsst ihr einfach irgendwo in der Nähe von Schloss Weissreiher auf uns warten, bis wir nachkommen."

Das hörte sich akzeptabel an. Tomoe erkundigte sich bei Pau, ob sie etwas mitnehmen müsste, aber dieser versicherte, dass alles vorhanden wäre. Sie solle nur einem der Männer ihre Version der Geschehnisse erzählen, damit dieser sie an Major Xan weitergeben konnte. Sie gab ihrem Vertreter noch Geld und einen Brief für Fürst Noriyuki, sollten sie auf ihn treffen, bevor sie zurück war. Dann waren sie zum Aufbruch bereit.

Pau streckte die Hände aus und Tomoe und Usagi ergriffen sie. Dann verschwanden alle Drei spurlos. Die Männer starrten noch einen Moment auf den leeren Fleck und machten sich dann auf den Weg.

Als sie am nächsten Morgen die Talsohle erreichten, trafen sie auf Major Xan. Wie abgesprochen berichteten sie einer nach dem anderen, was sie gesehen hatten. Major Xan nahm die Berichte kommentarlos entgegen und stellte nur ab und an eine Frage zu Details. Ein Schreiber zeichnete alles auf.

Major Xan liess noch den Felssturz untersuchen, sobald der Staub sich verzogen hatte, dann machten sie sich auf den Rückweg nach Edo. In der Nähe von Burg Weissreiher trennten sich die Männer von Fürst Noriyuki von Major Xan und machten es sich in einem kleinen Wäldchen bequem.

Ein paar Tage später traf Fürst Noriyuki sie dort bei einem Jagdausflug. Sie warfen sich vor ihm zu Boden. Noriyuki blickte sich um, dann herrschte er sie an: "Wo ist Tomoe Ame?"

"Auf der Suche nach Usagi sind wir auf einen Mahotsukai(13) getroffen, der Usagi aus der Gewalt von Ninjas befreit hat. Usagi war schwer verletzt und der Mahotsukai bot an, ihn zu heilen und dann hierher zu bringen. Lady Tomoe wollte sich nicht von Usagi trennen und begleitete ihn. Sie bat uns, euch diesen Brief zu übergeben", antwortete Suzo demütig.

13. Zauberer

Er überreichte das Schreiben einem Soldaten der Leibwache, der es an Fürst Noriyuki weitergab. Noriyuki öffnete den Brief und las dort:

Mein Fürst,

Ich bitte euch um Vergebung, aber ich kann Usagi nicht alleine gehen lassen, nachdem ich so viele Mühen durchgestanden habe, um ihn zu finden. Und ich bitte euch untertänigst meine Männer, die mir treuer gedient haben, als ich es jemals verlangen konnte, nicht dafür zu bestrafen, dass sie euren Befehl nicht ausführen konnten. Wenn ich zurückkehre, werde ich an ihrer Statt jede Strafe annehmen, die ihr mir auferlegen mögt.

Eure ergebene Dienerin Tomoe Ame.

Fürst Noriyuki seufzte. Die unglückliche Liebe zwischen Tomoe und Usagi belastete ihn mehr, als ihm lieb war. Die Tatsache, dass Usagi und Tomoe gute und verlässliche Freunde von ihm geworden waren, vertiefte den Schmerz noch mehr.

Er verstand, dass Tomoe Usagi nicht hatte verlassen können und selbst wenn er gewollt hätte, konnte er ihr doch nicht böse sein. Sorgfältig faltete er den Brief wieder und bat den Stellvertreter von Tomoe ihm zu berichten.

Wie schon Major Xan berichtete der Mann seinem Fürst die Geschehnisse. Fürst Noriyuki erschauerte vor der Macht des Fremden und ihm wurde klar, dass die Männer keine Wahl gehabt hatten, als dem Wunsch des Zauberers nachzukommen. Wie sie konnte er nur hoffen, dass der Zauberer sein Wort hielt.

Daher entschuldigte er die Männer, die getan hatten, was sie konnten. Er teilte ihnen mit, dass er zufrieden mit dem war, was sie erreicht hatten. Sie atmeten sichtbar auf. Fürst Noriyuki wies sie an, seinem Tross zu folgen und so kehrten sie ohne Tomoe zur Burg Weissreiher zurück.

Natürlich liess er sich später noch ausführlicher berichten, konnte aber keine weiteren Details erfahren. Besorgt fragte er sich, was der Fremde von Usagi wollte. Sicherlich war sein Treffen auf Usagi und Tomoe kein Zufall gewesen. Er vermutete viel eher, dass Pau Tai vieles oder gar alles sorgfältig im Voraus geplant hatte.

Pau Tai's Zuhause

Der Wald verschwand unvermittelt und sie standen in einem runden Raum. Die pastellfarbenen Wände waren nicht gerade, sondern geschwungen. Dies bildete einen starken Kontrast zu den rechtwinkligen Räumen, welche Usagi und Tomoe von Zuhause gewohnt waren.

Der Boden des Raumes war hellgrün und durch eine breite, weisse Linie vom Gang abgeteilt. Keine Türe war zu sehen.

Pau liess ihre Hände los. In der Öffnung zum Gang erschienen zwei Statuen mit stilisierten Gesichtern. Ihr Bewegungen waren weich und unwirklich. Jeder der beiden hatte eine lange, schwarze Kiste bei sich. Regungslos warteten sie.

'Roboter', erkannte Usagi. Er hatte so etwas schon gesehen, als einer seiner Nachfahren ihn in die Zukunft(14) geholt hatte. Tomoe blickte sie unbehaglich an.

14. Space Usagi - Hare Today, Hare Tomorrow

Pau winkte sie heran. Sie blieben vor Usagi und Tomoe stehen. Synchron hielten beide ihre Kiste vor sich und öffneten sie vor den beiden. Usagi konnte sehen, dass beide Kisten mit Stoff ausgeschlagen und mit Halterungen für Schwerter versehen waren.

"Bitte legt eure Waffen in die Kisten. Der Besitz von Waffen ist innerhalb der Station nicht erlaubt. Ihr werdet die Waffen unverändert zurückbekommen, wenn ihr die Station wieder verlasst."

Usagi sah die Kiste unzufrieden an. Er zog die Schreibtafel und begann zu schreiben. "Es wird keine Ausnahme geben", unterbrach ihn Pau. "Selbst ich darf keine Waffe in die Station bringen", erklärte er.

Usagi löschte den begonnen Text und begann von Neuem. "Aber ihr könnt zaubern."

"Ausser uns Dreien steht die Station leer. Es gibt also niemand, gegen den ihr euch verteidigen können müsst. Aber ich werde euch nicht zwingen."

"Wenn ihr euch weigert, dann bringe ich euch zurück auf die Erde. Allerdings werde ich dann nur euren Arm neu einrichten können. Ihr werdet auf eure Stimme verzichten müssen", bedauerte er.

'Schöne Wahl', dachte Usagi. Mit verkniffenem Mund band er sein Daisho ab und legte es in die Kiste. Der Roboter schloss die Kiste elegant und versiegelte sie. Dann drehte er sich schwungvoll um und ging. Tomoes Roboter folgte kurze Zeit später.

Sie betraten die Station. Die Gänge waren ebenfalls alle rund und in jedem war mindestens ein Kunstwerk zu sehen. Sie gingen an Plastiken aus Metall und Stein und anderen, unbekannten Materialien vorbei. An den Wänden hingen seltsame Bilder, von denen sich manche sogar bewegten.

Staunend sahen sich Usagi und Tomoe um. Pau führte sie eine Weile durch die Station und betrat dann einen Raum durch eine Tür, die sich wie von Geisterhand von selbst öffnete.

Der Raum dahinter hatte einige Wannen an den Wänden und seltsame, leuchtende Bilder und Zeichen waren an den Wänden und am Rand der Wannen angebracht.

Pau ging zielstrebig auf einen grossen, runden Sockel zu, der über ein paar Stufen bequem zu erreichen war. Pau bat Usagi sich auf den Sockel zu stellen und ging zu einem Pult, welches am Rand des Sockels stand.

Er berührte das Pult an verschiedenen Stellen und der Sockel leuchtete auf. Ein Kreis aus Licht bildete sich unter Usagis Füssen und löste sich dann vom Boden. Langsam wanderte er nach oben. Usagi spürte nichts, sah nur das helle Licht, wie es ihn langsam verschlang.

Seltsamerweise blendete es ihn nicht, als es seine Augen erreichte. Knapp über seinem Kopf verschwand es. Pau bat ihn wieder hinunter. "Dann wollen wir mal sehen", murmelte er.

Er berührte das Pult und eine Gestalt erschien auf dem Sockel, in der Usagi verblüfft sein Ebenbild erkannte. Pau arbeitete am Pult und der Usagi auf dem Sockel nahm eine andere Haltung an, dann verschwand seine Kleidung und rote Flecken erschienen überall. Der Sockel begann sich zu drehen und man konnte den zweiten Usagi von allen Seiten sehen.

"84 kleinere Verletzungen und zwei schwere." Eine rote Linie auf Usagis Kopf begann zu blinken und ein Fleck auf dem Rücken. "Die Ninjas waren nicht nett zu Dir." Usagi schnaubte nur.

"Das Auge und die Zunge sind keine schweren Verletzungen?" fragte Tomoe erstaunt.

Pau schüttelte den Kopf. "Es ist nur aufwendig, die ganzen Nerven wieder richtig anzuschliessen, damit Usagi sein Essen richtig schmeckt. Aber sie sind nicht lebensgefährlich."

Er wies auf die Linie am Kopf. "Schädelbruch durch Schlag mit stumpfen Gegenstand. Hat wahrscheinlich auch das Auge zerstört. Etwas stärker zugeschlagen und die Ninjas hätten dich nur noch begraben können."

"Und eine Nierenquetschung, die zur langsamen Vergiftung des Körpers führt." Er zuckte mit den Schultern. "Nichts, was sich nicht in den Griff bekommen liesse", versprach er.

"Ihr könnt die Heilung bei vollem Bewusstsein erleben", bot Pau Usagi an, "aber ich empfehle es nicht." Er lächelte fein: "Es ist sehr langweilig."

Usagi blickte Tomoe an, dann schüttelte er den Kopf. Pau bat ihn, sich auszuziehen und in eines der Becken zu legen. Usagi gab seine Kleidung einem wartenden Roboter und legte sich dann in eine Wanne. Er nickte Tomoe noch einmal zu und sah dann Pau an.

Pau blickte von dem Pult, das sich an der Wanne befand, auf. "Bis übermorgen", verabschiedete er sich von Usagi. Er berührte das Pult und Wände fuhren aus dem Rand der Wanne nach oben, bis sie die Decke berührten. Usagi blickte ihnen ein wenig unbehaglich nach.

Dann wurde Usagi müde und das Licht verschwamm vor seinen Augen. Nach drei Atemzügen war er eingeschlafen. Ruhig lag er da. Klappen öffneten sich im Boden und eine klare Flüssigkeit floss in das Becken. Usagi löste sich vom Boden und trieb langsam nach oben.

Als er eine gewisse Höhe erreicht hatte, blieb Usagis Körper zurück, aber die Flüssigkeit stieg jetzt schnell weiter, denn sie floss nun auch von oben in den geschlossenen Tank. "Er ertrinkt!" schrie Tomoe.

Pau blickte sie überrascht an. "Die Flüssigkeit kann man atmen. Sie dient bei Schwerverletzen als Ersatz für Blut." Er lächelte entschuldigend. "Bei uns sagt man, wenn jemand etwas Sinnloses tun will, dass er versucht in einem Heiltank zu ertrinken."

Die Flüssigkeit füllte den Tank jetzt vollständig. "Es tut mir Leid", versuchte er Tomoe zu beruhigen, "für mich ist dieser Vorgang alltäglich, daher vergass ich euch vorzuwarnen."

Usagis Körper schwebte jetzt aufrecht. Dann stiegen grosse Luftblasen aus seinem Mund auf. Tomoe blickte Pau entsetzt an. Hustenkrämpfe schüttelten den Körper, bis er wieder still war. Pau wies auf einige Linien, die sich regelmässig wiederholten. Eine war flach, dann unregelmässig und jetzt gleichmässig.

"Atmung, Herzschlag, Körpertemperatur" erklärte Pau. Wenn Tomoe genau hinsah, konnte sie sehen, wie Usagi langsam und gleichmässig atmete.

"Welche weiteren Überraschungen sollte ich noch wissen?" fragte sie Pau verdriesslich.

"Der Heiltank arbeitet automatisch", erläuterte Pau. "Ich habe nur die Priorität, in der die Verletzungen geheilt werden sollen, ausgewählt. Da seine Verletzungen nur leicht sind, gab es da aber nicht viel zu tun. Ich habe lediglich dafür gesorgt, dass die langen Heilungen zuerst begonnen werden, damit er in zwei Tagen vollständig wieder hergestellt sein wird."

Schläuche wanden sich aus dem Boden und näherten sich Usagi. "Diese werden die Exkremente aus dem Körper abpumpen, damit er nicht darin schwimmt."

"Mit Kraftfeldern wird der Arm nochmal vorsichtig gebrochen und neu eingerichtet. Knochen zu heilen dauert am längsten, daher beginnt die Heilung damit."

Tomoe konnte sehen, wie der Arm sich kurz verlängerte und dann viel gerader als vorher aussah.

"Eine Gewebeprobe wird entnommen. Aus dieser werden die fehlenden Gliedmassen erzeugt." Eine Schlange aus Metall näherte sich Usagi und berührte ihn kurz.

Sie wand sich dann im Tank herum und verharrte an mehreren Stellen. "Massagen und Heilstoffe bilden die blauen Flecken zurück."

Mehrere kleine, metallische Blasen stiegen auf und näherten sich Usagi. "Künstliche Kleinstorganismen heilen innere Verletzungen."

Er führte Tomoe zu dem Bild von Usagi, das sich immer noch auf dem Sockel drehte. Neben vielen roten Flecken waren kleine schwarze Balken erschienen. "Sie füllen sich grün. Wenn sie ganz grün sind, ist die Heilung abgeschlossen."

Pau blickte sie freundlich an. "Ihr liebt ihn mehr als euer eigenes Leben", stellte er fest.

Tomoe fühlte, wie ein Schwall von Trauer und Schmerz sich aus den Tiefen ihrer Seele auf den Weg nach oben machte. Mit aller Macht kämpfte sie um die Kontrolle über ihre Gefühle.

Sie gewann, aber der Sieg war hohl.

Pau war zu dem Pult getreten und gab vor nicht bemerkt zu haben, wie nahe sie den Tränen gewesen war. Er berührte das Pult und Usagi verschwand.

Pau blickte sie an. "Möchtet ihr, dass ich euch untersuche?" bot er an.

Tomoe hatte sich wieder im Griff. "Werdet ihr mich dann auch ertränken?" fragte sie misstrauisch.

"Nichts würde mir mehr Spass machen, als Euch nackt und hilflos in einem meiner Tanks treiben zu sehen", kam die trockene Antwort.

Unsicher wog sie ab. Es war eine einmalige Gelegenheit. Sie war gesund, aber was, wenn sie sich nur so fühlte? Sie seufzte und trat auf das Podest.

Pau gab keinen Kommentar ab. Er arbeitete wieder an seinem Pult und der Lichtkreis erschien und wanderte an Tomoe hoch.

Als es vorbei war, ging sie hinunter und drehte sich um. Wie bei Usagi erschien eine Kopie von ihr ohne Kleidung und in leicht veränderter Haltung. Ein roter Fleck erschien unten im Bauchbereich.

"Eine alte Verwundung", kommentierte Pau. "Verheilt, nicht lebensbedrohlich." Tomoe erinnerte sich. Dort war sie von einem Schwerthieb verletzt worden.

"Wollt ihr es wissen?" fragte Pau.

"Wissen?"

"Was die Verletzung für euch bedeutet." Nach einem Moment fügte er noch hinzu: "Um entscheiden zu können, ob ihr sie heilen lassen wollt."

"Sie bedroht mein Leben doch nicht, oder?"

Pau schüttelte den Kopf. "Es ist mehr ... persönlicher Natur", wich er aus.

Tomoe runzelte die Stirn. "Mögt ihr Kinder?" kam die überraschende Frage.

Tomoe nickte. "Natürlich."

"Und ihr habt vor, einmal selbst Kinder zu haben?"

Tomoe konnte sich zwar nicht vorstellen, was Pau das anging, aber sie nickte abwesend und versuchte darüber nachzudenken, was die Natur der Verletzung sein könnte, dass Pau so um den heissen Brei redete.

Dann kam die Antwort: "Dann müsst ihr mich das heilen lassen."

Einen Moment blickte sie Pau nur an, unfähig die Verbindung zwischen dem herzustellen, was er gerade und vorher gesagt hatte. Aber dann kam die Erkenntnis wie ein Hammerschlag. Sie schloss die Augen, schottete sich von der Welt ab, als der Schock über sie hinwegspülte.

Diesmal konnte sie die Tränen nicht zurückhalten. Aber jemand umarmte sie und gab ihr den Halt, den sie jetzt so dringend brauchte.

Nach einer Weile hatte sie sich wieder beruhigt. Sie fand sich in Paus Armen wieder. Eigentlich sollte sie ihm danken, aber sie konnte es nicht. Ihre Gedanken waren seltsam leer und schwerfällig. Ausserdem war es ihr sehr peinlich, sich vor einem Fremden so gehen zu lassen.

Sie löste sich von ihm und ging zu einem leeren Tank. Ihre Kleidung liess sie achtlos zu Boden fallen. Der Tank fühlte sich warm und angenehm an, als sie sich hinlegte, aber sie nahm es kaum wahr. Alles war wie in Watte gehüllt.

Pau half ihr, sich hinzulegen und sie wünschte, Usagi wäre es gewesen.

"Möchtet ihr ...", begann Pau, aber sie schüttelte den Kopf. Er lächelte ihr Mut zu und verabschiedete sich. "Bis übermorgen."

Die Wände fuhren hoch und eine bleierne Schwere machte sich in ihr breit. Sie schloss die Augen und glitt in einen traumlosen Schlaf.

Pau stand vor den Tanks und betrachtete sie einen Moment ohne Ausdruck. Dann aktivierte er den Alarm und verliess den Raum. Dunkelheit hüllte die beiden reglosen Körper ein, die sich sanft in der Flüssigkeit bewegten. Technologie, in Jahrhunderttausenden perfektioniert, tat ihre Pflicht.

Zwei Tage später kehrten Pau und das Licht zurück. Er ging zu dem Sockel und rief das Bild von Usagi auf. Alle Verletzungen waren entweder ganz verheilt oder zumindest soweit vorbereitet, dass Usagis Körper den Rest alleine erledigen konnte. Natürlich konnte auch er keine Zähne in zwei Tagen wachsen lassen. Oder Finger.

Aber er konnte etwas herstellen, das der Körper akzeptieren und dann langsam durch eigenes Gewebe ersetzen würde.

Sorgfältig kontrollierte er die zusätzlichen Veränderungen, die er vorgenommen hatte und fand alles zu seiner Zufriedenheit.

Als Nächstes rief er Tomoe auf. Auch ihre Verletzung war vollständig verheilt und die Zusatzmodifikation erfolgt. Er gab die Anweisung die Tanks zu entfluten und ging hinüber.

Langsam drehten sich die beiden Körper, bis sie kopfüber in den Tanks hingen. Durch die Klappen in der Decke wurde Luft in die Tanks geblasen und die Flüssigkeit floss schnell ab. Ein Kraftfeld presste den ersten Schwall an Flüssigkeit aus den Lungen der beiden und unterstütze den Körper dann beim ersten Atemzug.

Sofort fingen beide an zu husten und zu spucken. Ein dünnes Rinnsal der Heilungsflüssigkeit lief aus ihren Mündern und versiegte dann. Die Körper wurden wieder aufgerichtet und von den Resten der Flüssigkeit gereinigt. Heisse Luft schloss den Vorgang ab.

Die beiden schliefen noch immer. Roboter brachten sie in ein vorbereitetes Zimmer und legten sie dort ins Bett. Dann hiess es wieder abwarten.

Pau verbrachte die Wartezeit damit, seine Berichte zu vervollständigen und sein weiteres Vorgehen zu planen. Ausserdem fügte er viele von den Informationen, die seine Spione für ihn sammelten, in das Gesamtbild ein. Zudem waren Anfragen des Rates zu beantworten. So verging die Zeit, bis die Station ihm meldete, dass Usagi und Tomoe jetzt auf den Weg zum Frühstück wären.

Erwachen

Übergangslos erwachte Usagi. Seine erste Reaktion war, sich auf den Schmerz vorzubereiten, der kommen würde. Aber das war nichts. Kein Schmerz. Erstaunt hielt er seine Hand hoch. Sie war unversehrt. Alle Finger vorhanden. Er bewegte sie vorsichtig, aber kein Schmerz. Sein Arm, gerade. Sein verlorenes Auge. Seine Zunge. Er tastete in seinen Mund. Zähne. Rasch stand er auf und betrachtete seinen ganzen Körper. Überall glattes Fell, gerade Knochen und keine Spur einer Verletzung. Er konnte es kaum fassen. Vorsichtig bewegte er sich, alles schien in Ordnung zu sein. Dann viel sein Blick auf das Bett, in dem er erwacht war. Und auf Tomoe.

'Sollte es kein Traum gewesen sein? Gab es Pau Tai wirklich?' Als könnte eine hastige Bewegung alles zerstören, streckte er langsam die Hand aus, um Tomoe zu berühren. Um herauszufinden, ob sie wirklich da war. Er fasste sie vorsichtig an der Schulter an und Tomoe drehte sich um.

"So forsch kenne ich dich ja gar nicht", sagte sie mit einem neckischen Grinsen im Gesicht.

Usagi spürte, wie der rot anlief. Er blickte verlegen weg, nur um seine eigene Nacktheit zu bemerken. Aber bevor er noch etwas tun konnte, hatte Tomoe ihn schon umschlungen. Der seelische Schmerz der letzten Wochen brach sich seine Bahn und sie weinte haltlos. Und er mit ihr.

Später, als sich beide beruhigt hatten, begannen sie sich umzusehen. Der Raum, in dem sie sich befanden war gewöhnlich genug. Es gab eine normale Schiebetür aus Papier und vier Wände. Fenster waren keine zu sehen. Die Einrichtung bestand aus einem niedrigen Tisch, dem Bett und zwei Robotern, die links und rechts neben der Tür standen. Helles Licht schien durch die dünnen Wände, aber kein Geräusch war zu hören. Elegante Kleidung lag bereit. Während Tomoe sich ankleidete, war Usagi unwohl.

"Diese Kleidung gebührt eher einem Fürsten als einem armen Ronin wie mir", sagte er unsicher.

"Nun, nackt vor unseren Gastgeber zu treten wäre wohl unschicklicher, als etwas so Elegantes anzuziehen", neckte ihn Tomoe.

Usagi verzog das Gesicht, aber ergab sich in sein Schicksal. Die Kleidung war exquisit. Noch nie hatte er in seinem Leben etwas so Schönes gesehen. Die Stoffe waren reich verziert. Nur etwas fehlte noch ...

"Meine Schwerter!" sagte er wehmütig.

"Typisch Usagi", lachte Tomoe, "kaum dem Tode entronnen, fängt er schon wieder an sich zu beschweren. Kein Wunder, dass nur Gen es mit dir aushält."

Jetzt musste auch Usagi lachen. Und es tat gut.

Nachdem er sich angezogen hatte, musste er noch eine kritische Inspektion von Tomoe über sich ergehen lassen. "Schliesslich wollen wir uns doch von unserer besten Seite zeigen", wehrte sie seine hilflosen Versuche ab, den Sitz seiner Kleidung zu korrigieren.

"So, jetzt siehst du präsentabel aus. Jetzt lass uns gehen und herausfinden, was passiert ist", sprach Tomoe drehte sich zu einem der Roboter an der Tür um, der sich geräuschlos mit einer fliessenden Bewegung erhob.

Ohne dass sich die Lippen in ihrem stilisierten Gesicht bewegt hätten, sprach er: "Pau Tai erwartet sie beim Frühstück. Bitte folgen sie mir."

Der Roboter wartete, bis sie ihm folgten. Dann ging er voraus.

Sie wurden durch breite Gänge geführt. Wieder sahen sie viele seltsame Kunstwerke, deren Sinn sich ihnen verschloss. Am Ende kamen sie in einen grossen Raum. In der Mitte stand ein Tisch, auf dem sich allerlei Speisen und Getränke kunstvoll arrangiert waren. An den Wänden hielten sich weitere Roboter bereit. Wie menschliche Diener in Japan, sassen sie nahe der Wände. Am Ende vom Tisch wartete bereits Pau auf einem Stuhl mit einer hohen Lehne. Als sie den Raum betraten, erhob er sich.

"Willkommen Tomoe Ame. Willkommen Miyamoto Usagi. Bitte nehmt Platz." Er führte sie zu zwei leeren Plätzen am Tisch. "Ihr müsst mir nur sagen, ob ihr lieber auf einem Stuhl oder dem flachen Boden sitzt?"

"Nun, eigentlich sitze ich lieber auf dem flachen Boden und einem Kissen, aber ...", begann Usagi als sich ein Roboter von der Wand löste und eine Art Plattform im Boden befestigte, auf der er bequem am Tisch sitzen konnte. Ein anderer brachte ein Kissen. Verblüfft über die schnelle Reaktion brach Usagi ab.

Pau lächelte. "Und die Dame?"

"Ebenso", lächelte Tomoe zurück. Sie war kaum fertig, da war auch schon die zweite Plattform installiert.

Bevor Usagi sich darauf niederliess, zog er prüfend an einer Ecke. Mit dem langen, recht dünnen Stiel in der Mitte sah die Plattform nicht sehr vertrauenserweckend aus, aber sie gab nicht nach. Vorsichtig kletterte er darauf, aber sie neigte sich nicht. Wenn er nicht gewusst hätte, worauf er sitzt, hätte er schwören können, dass sich fester Boden unter ihm befand.

"Guten Appetit", wünschte Pau, "greift ruhig zu, es ist noch mehr da."

Das liessen sich die beiden nicht zweimal sagen. Schwierig war nur unter den ganzen Leckereien das auszusuchen, was man als erstes essen wollte. Aber natürlich waren die beiden nicht nur hungrig auf Essen, sondern auch hungrig auf Wissen.

"Warum habt ihr mich aus den Klauen der Ninjas gerettet?" begann Usagi.

Ernst blickte Pau zu ihnen herüber. "Es tut mir sehr Leid, dass ich erst so spät eingegriffen habe. Eigentlich hätte ich schon nach ein paar Stunden von deiner Entführung hören sollen, aber aus einem Grund, den ich noch untersuche, ist die Nachricht nicht bei mir angekommen. Ich entschuldige mich in aller Form für mein Versäumnis." Und verbeugte sich tief.

Das war nicht die Antwort mit der Usagi gerechnet hatte. Eigentlich hatte er erwartet, dass er sich bedanken sollte. Statt dessen hatte er eine Entschuldigung bekommen. Er setzte an etwas zu sagen, aber es fiel ihm nichts ein.

"Deine Verwirrung ist verständlich. Lasst es mich versuchen zu erklären. Sammelt ihr etwas?" fragte Pau.

Usagi wünschte sich, dass Tomoe in irgendeiner Form in dieses seltsame Gespräch eingreifen würde, aber sie schien völlig vom Essen absorbiert zu sein.

"Äh ... nein, eigentlich nicht."

"Nun sammelt ihr nicht Wissen und Erfahrung?"

"Hm. Ja, das könnte man sagen."

"Seht Ihr Usagi-san, ich sammle Lebewesen. Nicht so wie jemand, der Schmetterlinge sammelt oder seltene Vögel. Ich sperre meine Sammlerstücke nicht in Käfige oder stelle sie aus. Vielleicht könnte man sagen, dass ich besondere Schicksale sammle. Leute, die dazu in der Lage sind, etwas Besonderes zu tun. Vielleicht ein Künstler, dessen Werke viele hundert Jahre lang die Menschen erfreuen werden. Einen Philosophen, dessen Gedanken die Menschheit weiterbringen können."

"Die schönen Künste gehören zwar zu meiner Ausbildung, aber ich denke nicht, dass sie so besonders sind", entgegnete Usagi, der sich nicht vorstellen konnte, worauf das Ganze abzielte.

"Oder einen Kämpfer, der in der Lage ist, eine Gefahr abzuwenden, an der alle anderen scheitern würden."

'Aha, jetzt ist es raus', dachte Usagi. Laut sagte er: "Nun, ich bin zwar gut, aber es gibt viel bessere Kämpfer als mich. Samurai mit mehr Erfahrung. Kämpfer, denen ich nicht im Entferntesten das Wasser reichen könnte."

Pau lächelte freundlich. "Ich sagte nicht, dass ihr der Beste seid. Sagt mir, warum ist der Shogun(15) Shogun?"

15. Militärdiktator

Usagi, dem die Frage zu sehr in Richtung Hochverrat ging, zögerte mit der Antwort.

Pau lachte, wie über einen Witz den nur er versteht. "Lasst es mich anders formulieren. Warum ist Fürst Noriyuki Fürst?"

Usagi bemerkte, wie Tomoe sich versteifte. Auch ihm wurde das Gespräch immer unheimlicher. Vorsichtig entgegnete er: "Nun, sein Vater war Herrscher über die Geishu Provinz und als er starb, wurde sein Sohn als rechtmässiger Erbe eingesetzt. Darum ist er jetzt Fürst Noriyuki."

"Also herrscht er nur, weil er zufälligerweise der Sohn des letzten Herrschers ist?" fragte Pau.

"Nun ...", wand sich Usagi.

"Wenn ich mich recht erinnere, dann wart ihr es, der Fürst Noriyuki lebend zur Hauptstadt gebracht hat, nachdem Tomoe zu schwer verletzt war, um diese Pflicht selbst zu erfüllen(16). Aber auch ihr seid nicht der Grund, warum Fürst Noriyuki Fürst ist. Der wahre Grund ist, dass Fürst Noriyuki geeignet ist ein Fürst zu sein. Sicher, auch ein Ungeeigneter kann zum Fürst werden, aber nur kurz. Bald wird ein korrupter Berater die Macht an sich reissen oder im Unsichtbaren die Fäden ziehen. Fürst Noriyuki hat sich mit einem grossen Beraterstab umgeben. Einen Stab, dem er zum einen Vertrauen kann, aber auch einen, den er letzten Endes kontrolliert. Ihr, Usagi, hättet das nicht gekonnt. Wohl wärt ihr in der Lage gewesen, Fürst Noriyukis Leben zu beenden, aber ihr wärt nie in der Lage gewesen seinen Platz einzunehmen."

16. Usagi Band 1, Der Ronin

"Das hätte ich auch nie gewollt", verteidigte sich Usagi.

"Nein", widersprach Pau, "Ihr hättet es gar nicht gekonnt! Selbst wenn ihr es gewollt hättet! Es ist euch unmöglich euer Schwert gegen einen Wehrlosen zu erheben. Es sind diese besonderen Qualitäten, die euch ausmachen. Die euch zu etwas Besonderem machen und die es euch ermöglichen, etwas zu tun, was sonst niemand tun kann. Darum interessiere ich mich für euch und darum seid ihr jetzt hier."

Schweigend, in Gedanken versunken, assen sie. Am Ende erhob sich Pau und entschuldigte sich.

"Ich muss noch viele Dinge erledigen und bitte daher um Entschuldigung, dass ich euch bereits wieder verlassen muss. Usagi, ich würde euch empfehlen, etwas zu trainieren, damit ihr euch an eure neuen Gliedmassen gewöhnt. Es dauert immer etwas, bis man einen neuen Finger so gut verwenden kann, wie den alten. Falls ihr sonst etwas braucht, so wendet euch bitte an meine Roboter." Er verneigte sich vor ihnen und verliess den Raum.

Die Rückseite des Mondes

"Es erklärt zumindest, warum ich beim Frühstück fast ein Ei fallen gelassen habe. Manche meiner Finger fühlen sich immer noch taub und schwach an. Bist du noch hungrig?"

Tomoe schüttelte den Kopf.

"Nun", meinte Usagi und verzog das Gesicht, "dann sollten wir uns wohl mal ein wenig umsehen. Wenn ich jemals wieder ein Schwert halten soll, dann muss ich anfangen zu trainieren."

Er wandte sich an einen der Roboter. "Gibt es hier einen Ort, an dem man trainieren kann?"

"Natürlich", antwortete der Roboter höflich. "Bitte folgen Sie mir."

Der Roboter führte sie wieder durch das seltsame Gebäude. Es musste riesig sein, denn noch immer waren sie an keinem Fenster vorbeigekommen, hatten nichts gesehen, was sich ausserhalb befand oder den Himmel. Auch war niemand zu sehen. Ausser ihnen schien hier wirklich niemand zu leben, was schade war. Unterwegs bewunderte Usagi wiederholt die diversen Kunstwerke und die seltsam angenehme Architektur. Wo immer möglich, hatte man auf Ecken und Kanten verzichtet und die Gänge und Hallen mit geschwungenen Flächen und Bögen aufgespannt. Er konnte nicht sagen, aus welchem Material die Wände waren, aber sie leuchteten überall in ruhigen, sanften Farben und keine war wie die andere. Manche einfarbig, andere wieder mit komplexen Mustern und Bildern überzogen.

Sie gingen über eine filigrane Brücke, unter der ein weitläufiger Park zu sehen war und kamen dann in einer leeren Halle mit komplizierten Gittern an den Wänden an. Der Roboter blieb am Eingang stehen, während Usagi sich die Wände genauer ansah. Vor einem blau leuchtenden Hintergrund waren sechseckige Platten auf einem rautenförmigen Gitter befestigt. Usagi konnte sich keinen Reim darauf machen. Vorsichtig berührte Tomoe eine der Platten. Sie fühlte sich warm und fest an. Sie zuckte mit den Schultern.

"Es ist sicher nicht dazu gedacht, einen aufzufangen, wenn man an den Rand gerät."

Usagi wandte sich an den Roboter: "Könnte ich bitte eine Übungswaffe haben?"

"Es stehen 27 verschiedene Waffen dieser Kategorie zur Verfügung. Bitte spezifizieren Sie die Waffe genauer."

"Äh, etwas wie einen Bokken(17), bitte."

17. Übungsschwert aus Holz

Der Roboter trat zu einer Klappe in der Wand und entnahm ihr fünf Übungswaffen aus Holz. Usagi wog eine nach der anderen in der Hand, bis er eine gefunden hatte, die das richtige Gewicht, Reichweite und Gefühl hatte. Während Tomoe ihren Bokken auswählte, ging Usagi ein Stück in die Halle hinein und setzte sich, um sich mental auf die Übungen einzustimmen.

Den Bokken hielt er mit der linken Hand an der Stelle, wo normalerweise sein Schwert hing. Als er bereit war, stand er in einer fliessenden Bewegung langsam auf, zog gleichzeitig den Bokken und beendete beide Bewegungen in der Grundstellung.

Aufmerksam registrierte er alle Fehler, die er dabei machte. Dann begann er das erste Muster auszuführen, atmete im Gleichklang zu Schritten und Hieben, wurde eins mit der Waffe: Abwehr und Angriff, Angriff und Abwehr. Fliessen mit dem Flug des Schwertes. Muster folgte auf Muster, langsam und gleichmässig. Sorgfältig begann er die Teile der Muster zu wiederholen, bei denen er Schwierigkeiten hatte.

Ein paar Schritte entfernt tat Tomoe es ihm gleich. 'Wie schön Sie doch ist', dachte er ein wenig traurig. Sofort rief er sich zur Ordnung und nahm noch konzentrierter als zuvor seine Übungen wieder auf.

Tomoe war keineswegs entgangen, wie Usagi seine Übungen kurz unterbrochen hatte, um sie zu beobachten. Und wie er sich gewaltsam losgerissen und verbissen weiter geübt hatte. Ihr Herz sank ein wenig. Etwas schwermütig setzte sie ihre eigenen Übungen fort.

Nach einer Weile machte Usagi eine Pause, um sich etwas zu erholen und sich zu überlegen, mit welchen Mustern er am effektivsten seine Beweglichkeit wieder herstellen konnte. Nach wie vor hatte er Schwierigkeiten mit der Hand des vor kurzem gebrochenen Arms richtig zu greifen. Er musste aufpassen, dass er dem weder nachgab und so eine fehlerhafte Haltung eintrainierte, noch dass er sich zu sehr in einem Detail verlor und so der restliche Ablauf in Gefahr geriet. Er wählte drei passende Abläufe aus und begann diese endlos zu wiederholen, immer langsam und gleichmässig. Fehler sofort korrigierend. So verging die Zeit.

Der Roboter brachte ihnen Essen und Trinken, dass sie schweigend einnahmen. Usagi fühlte, wie sich eine gleichmässige Schwere in seinem Körper breit machte. Langsam fand er in seine alte Form zurück, manches fiel im sogar leichter als je zuvor. Er schätzte, er konnte noch eine oder zwei Stunden trainieren und dann wäre er zu erschöpft, als dass es noch einen Sinn gehabt hätte weiterzumachen. Tomoe dagegen fühle sich noch frisch. Sie beobachtete Usagi vom Rand der Halle aus. Von dort konnte sie sehen, dass er noch ein ganzes Stück Arbeit vor sich hatte. Manche Bewegungen wirkten noch ziemlich unharmonisch.

"Wie lange?" fragte sie sanft.

Usagi wusste sofort, was sie meinte. Er sackte leicht zusammen. "Ich weiss es nicht. Irgendwann habe ich mein Zeitgefühl verloren", murmelte er, fast zu leise für Tomoe.

"Wie ist das überhaupt passiert?"

"Sie wussten, wo ich war. Fingen mich mit einem Netz und verschleppten mich. Es war sorgfältig geplant. Du hättest den Ausbilder sehen sollen. Er weiss was er tut ... wusste es. "

Usagi erinnerte sich mit Schaudern an den obersten Ausbilder der Taja-Ninjas. Seine Höflichkeit konnte nicht verdecken, dass er völlig gefühllos gewesen war. Sein Lächeln hatte nie seine Augen erreicht. Er hatte einen immer angesehen wie ein Insekt und die einzige Qualität, die für ihn wichtig gewesen war, war die Nützlichkeit seines Gegenübers gewesen.

"Was meinst du, warum er dich gerettet hat?" fragte sie.

Usagi verzog das Gesicht. "Nun, ich bin dankbar dieser Hölle entronnen zu sein. Ich kann nicht sagen, dass ich ihm vertrauen würde. Wer weiss, was so viel Macht anrichten kann. Normalerweise kann ich andere ganz gut einschätzen, aber bei ihm ..."

"Er scheint gar nicht da zu sein."

"Ja", pflichtete Usagi ihr bei. "Mein sechster Sinn spricht auch nicht auf ihn an.". Er zuckte mit den Schultern. "Letzten Endes spielt es keine Rolle. Er wird tun, was er für richtig hält und wir können nur hoffen, dass wir dabei nicht unter die Räder kommen."

Usagi setzte sein Training fort, während Tomoe ihren Gedanken nachhing. Plötzlich hatte sie eine Idee.

"Was weisst du über Pau Tai?" fragte sie den Roboter, der reglos an der Tür stand.

"Pau Tai ist der militärische Oberbefehlshaber dieser Galaxie, vielleicht vergleichbar mit dem Shogun. Wenn es zu Naturkatastrophen oder gewaltsamen Auseinandersetzungen kommt, dann sind er und sein Stab für die notwendigen Planungen verantwortlich und deren Umsetzung", begann der Roboter.

"Wenn keine Krisensituation herrscht, dann verbringt er seine Zeit normalerweise damit, Schüler auszubilden, den Status der primitiveren Kulturen in dieser Galaxis zu überwachen oder nicht auffindbar zu sein."

"Unzählige Legenden ranken sich um seine Gestalt. Angeblich existierte er schon lange, bevor die offizielle Zeitrechnung begann. Es heisst, dass er ein zuverlässiger Freund und ein schrecklicher Feind sei. Seine Qualitäten als Stratege sind unzweifelhaft. Er hat beim Aufbau dieser Galaxis Grosses geleistet und er wird allgemein als Vorbild angesehen."

"Wünschen sie genauere Informationen?"

'Da bin ich aber beruhigt', dachte Usagi sarkastisch und fragte sich, ob so ein Roboter wohl lügen konnte. Er überlegte, ob er mit seinen Übungen weitermachen oder Tomoe helfen sollte, den Roboter auszufragen. Am Ende würde er wohl doch mit halbem Ohr zuhören und das wiederum würde bedeuten, dass er seine Übungen nicht würde sinnvoll durchführen können und nur die Hälfte, von dem mitbekommen würde, was der Roboter sagte. Er entschied sich für Tomoe und die Geschichten.

"Warum gehen wir nicht in den Park, an dem wir vorbeigekommen sind und reden dort weiter?" schlug er vor.

"Eine sehr gute Idee!" freute sich Tomoe. Beide gaben ihre Bokken dem Roboter zurück, der sie wieder in der Klappe in der Wand verschwinden liess. Dann führte er sie zum Park.

Von der Brücke aus hatte man den Park fast nicht überblicken können, so gross war er. Einige bekannte Pflanzen wuchsen dort und auch viele, die weder Tomoe noch Usagi jemals zuvor gesehen hatten. Ein wundervoller Steingarten im japanischen Stil war vorhanden, wie auch ein Bereich, wo man alle Pflanzen sorgfältig in Formen geschnitten hatte. Kleine Vögel zwitscherten in den Zweigen und Fische schwammen in den kleinen Seen, die durch einen langen, verästelten Fluss, der leise vor sich hin murmelte, verbunden wurden. An einige Stellen konnte man Roboter sehen, die den Park pflegten. Tomoe und Usagi suchten sich eine schöne Stelle unter einem Baum am Ufer eines grösseren Sees aus und setzen sich.

"Wie alt ist er eigentlich?" fragte Usagi neugierig.

"Eine exakte Zahl ist mir nicht bekannt. Die ältesten Berichte über Pau Tai im galaxisweiten Informationsnetz sind aber über 80'000 Jahre alt", antwortete der Roboter.

Usagi traute seinen Ohren nicht.

"Was tut er so, wenn er "den Status von primitiven Kulturen überwacht"?" fragte Tomoe leicht indigniert.

"Die Gesetze der Föderation der Zivilisationen dieser Galaxis sind sehr streng, was Kulturen angeht, die noch nicht die notwendige Reife erreicht haben, um im Spannungsfeld der Föderation zu überleben. Daher ist jede Einmischung unsererseits in die Angelegenheiten dieser Kulturen untersagt."

"Aha. Und das heisst?" fragte Usagi.

"Es heisst, dass er wohl ein Verbrechen begangen hat", antwortete Tomoe düster.

"Was?"

"Er hat ein paar hundert Ninjas entführt. Einige von ihnen getötet. Ihre Burg unter einem Felssturz begraben. Das ist nicht unbedingt das, was ich unter "Jede Einmischung ist untersagt" verstehen würde."

"Und wir sind Zeugen", führte Usagi den Gedanken fort.

"Wünschen sie weitere Informationen?" fragte der Roboter, dessen Anwesenheit plötzlich eine ganz neue Dimension gewonnen hatte. Usagi fragte sich unbehaglich, was wohl passieren würde, wenn er den Roboter angreifen würde.

"Ich frage mich, ob der angeblich so vorbildliche Pau Tai nur deswegen so vorbildlich ist, weil es bisher noch keine Überlebenden gegeben hat", setzte Tomoe hinzu.

"Äh", machte Usagi, dem immer unbehaglicher wurde. "Vielleicht sollten wir das nicht hier und jetzt diskutieren."

"Warum?" fragte Tomoe bitter. "Glaubst du, er würde es nicht mitbekommen, nur weil wir es irgendwo anders besprechen?"

Die Roboter waren allgegenwärtig. Usagi fragte sich, ob man sie fortschicken konnte. Und ob das etwas nützen würde. Möglicherweise hatten die Wände hier Ohren. Oder Schlimmeres.

"Gibt es ein Problem?" fragte der Roboter mit seiner gleichmässigen, melodischen Stimme.

"Nein!" rief Usagi, "es ist alles in Ordnung."

"Ich erkenne eine starke Beunruhigung in ihnen beiden. Ich würde vorschlagen, dass ich Pau Tai informiere, damit er mit ihnen spricht."

'Nur das nicht', dachte Usagi und überlegte wie er dem Roboter das wieder ausreden konnte, ohne Verdacht zu erregen.

"Nein", sagte Tomoe mit fester Stimme.

"Sind Sie sicher?"

"Ja."

"Wie sie wünschen. Wünschen Sie weitere Informationen?"

Usagi sah Tomoe an und diese zuckte nur mit den Schultern. Wer weiss, was der Roboter Pau Tai später berichten würde. Und wie dieser darauf reagieren würde!

"Leben eigentlich noch andere Leute hier?" fragte Usagi, um auf ein anderes Thema zu kommen.

"Im Moment halten sich nur drei Personen in dieser Station auf."

"Und wo befindet sich diese "Station"?"

"Die Station wurde unterirdisch auf der Rückseite des Mondes angelegt", antwortete der Roboter einfach.

'Ich sollte wohl langsam aufhören, mich zu wundern', dachte Usagi, als er sich wieder einigermassen gefangen hatte. 'Wie lange ich wohl laufen muss, um wieder nach Hause zu kommen?'

"Und was ist an der Oberfläche?" wollte Tomoe wissen.

"Nichts", kam die Antwort.

"Also irgendwas muss da doch sein", argumentierte sie. "Man sieht doch diese ganzen Muster von der Erde aus."

"Die Muster, die sie ansprechen, sind Krater, die von Meteoriten herrühren. Da der Mond im Gegensatz zur Erde keine Atmosphäre hat, schlagen sie mit voller Wucht auf ihm ein und die Krater verschwinden nie, weil es keinen Wind gibt."

"Keine Luft?" fragte sie ungläubig. "Wie kommt es dann, dass wir hier atmen können?"

"Die Station ist luftdicht. Die Pflanzen, die sie hier sehen und diejenigen in den hydroponischen Gärten, regenerieren die Luft."

"Wie gelangt man an die Oberfläche?"

"Es gibt mehrere Schleusen und Transmitter."

"Was ist das?"

"Eine Schleuse ist ein Raum, der zwei Räume mit unterschiedlichen Umweltbedingungen verbindet. In der Schleuse können beide Umweltbedingungen hergestellt werden, so dass ein Übergang möglich ist. Ein Transmitter ist ein Gerät, um ein Objekt oder eine Person vom Standort des Transmitters zum gewählten Ziel zu befördern."

"Äh, so eine Art Wagen?" fragte Usagi, dem langsam der Kopf schwirrte.

"Nein", antwortete der Roboter. "Im Gegensatz zum Wagen bewegt sich der Transmitter während des Transportvorgangs nicht. Nur das zu transportierende Objekt wird bewegt."

"Aber wie kann es sich bewegen, wenn der Transmitter sich nicht bewegt?"

"Das zu transportierende Objekt wird mitsamt dem Raum, den es einnimmt, an die Stelle befördert, wo sich der Zieltransmitter befindet. Für denjenigen, der einen Transmitter benutzt, ist es etwa so, als würde er am Startpunkt in einen Wagen steigen und diesen am Ziel wieder verlassen. Der Hauptunterschied für den Reisenden und der grosse Vorteil des Transmitters sind, dass die Distanz keine Rolle spielt. Man steigt in den Starttransmitter und kommt praktisch im gleichen Augenblick am Ziel an. Für jemanden, der den Transport beobachtet und auch denjenigen, der transportiert wird, vergeht keine Zeit."

Usagi gab auf zu versuchen zu verstehen, wovon die Maschine redete. Etwas anderes interessierte ihn viel mehr. "Ähm", begann er, "wenn ich jetzt zu einem bestimmten Ort wollte, sagen wir in die Hauptstadt der Geishu Provinz ... Wie würde ich das am besten machen?"

"Nach meinen Informationen gibt es dort keinen Empfangstransmitter. Daher käme nur ein Raumschiff in Frage."

Ein Schiff. Das klang schon vertrauter. "Und gibt es hier so ein Raumschiff?" fragte er vorsichtig.

"Ja", bestätigte der Roboter Usagis Hoffnungen.

'Vorsicht jetzt.' "Und könnte ich wohl so ein Raumschiff bekommen, um nach Kyoto zu reisen?"

"Nein", wies der Roboter Usagis Wunsch zurück.

"Oh. Und warum nicht?"

"Mit einem Raumschiff auf der Erde zu landen würde gegen das Technologie-Schmuggel-Gesetz verstossen. Keine Technologie darf in die Nähe einer Zivilisation gebracht werden, die eine solche oder vergleichbare Technologie noch nicht selbst entwickelt hat."

'Tja', dachte Usagi bei sich, 'das heisst dann wohl, es zu stehlen. Ein bisschen kann ich ja mit Booten umgehen. Allerdings', fragte er sich besorgt, 'wenn das stimmt, was er gesagt hatte, und es dort oben keinen Wind gibt, dann wird Segel setzen nicht viel Nützen ...'

"Wie weit ist es eigentlich von hier aus bis nach Kyoto?" fragte er, um den Roboter abzulenken.

"77'000 Rio(18)."

18. 1 Rio sind ca. 3.9 km

Usagi hoffte, dass er log. Egal wie schnell das Schiff war, es würde Jahre dauern diese Strecke zurückzulegen. Auf der anderen Seite, niemand würde ein Schiff bauen, dass so lange unterwegs sein würde, wenn er per Transmitter reisen könnte.

"Gibt es auf der Erde einen solchen Transmitter?" versuchte er es in einer anderen Richtung.

"Nein."

"Wie lange wäre so ein Raumschiff zur Erde unterwegs?" fragte Tomoe nachdenklich.

"Maximal eine Viertelstunde."

'Keine Segel!' schloss Usagi. 'Und wohl auch nichts, was ich wiedererkennen würde.' Er liess den Kopf hängen. Auf Gedeih und Verderb einem Wesen ausgeliefert, das einen Berg einebnen konnte.

Ein Lebender Gott?

Die Unterhaltung mit dem Roboter war danach bald zu Ende gewesen. Er hatte Usagi und Tomoe wieder zu ihrem Zimmer zurückgebracht und dort hatten sie zu Abend gegessen. In einem kleinen Extrazimmer hatten sie Wasser gefunden, das aus einem Metallrohr in der Wand floss, wenn man einen Hebel bewegte und einen Sitzplatz, zu dem der Roboter auf Nachfrage meinte, dass sie dort ihr Geschäft verrichten konnten. Der Roboter hatte ihnen auch Seife und ein Fellpflegemittel gebracht.

Während Usagi sich umständlich am Metallrohr den Schweiss des Tages abgewaschen hatte, hatte Tomoe die bessere Idee den Roboter zu fragen, ob es eine einfachere Möglichkeit gäbe. Er zeigte ihr ein Rohr, das weit oben in der Wand eingelassen war und unter dem sie bequem stehen und sich reinigen konnte. Usagi gönnte ihr den triumphalen Gesichtsausdruck. Allerdings bereitete ihm das Bett Sorgen.

"Da ist nur ein Bett für uns beide", meinte er.

"Und?" kam die neckische Antwort aus dem Seitenraum.

Usagi wand sich.

Tomoe kam aus dem Seitenraum mit nichts als einem grossen Handtuch bekleidet. "Hast du Angst, ich könnte heute Nacht über dich herfallen?" fragte sie diabolisch lächelnd. Usagi sah verlegen zu Boden.

"Nein, ich ... es ist nur ...", er brach wieder ab.

"Mein tapferer Usagi", lächelte Tomoe und berührte in sanft im Gesicht. "Keine Sorge, wir sind beide so erschöpft, wir werden sofort einschlafen."

Sprachs, legte das Handtuch ab und sich ins Bett. Die dünne Bettdecke zeigte mehr von ihrem Körper, als Usagi lieb war. Hastig begab er sich auf seine Seite und kroch ebenfalls ins Bett.

"Du willst angezogen schlafen?" kam die Frage von hinten.

Nein, das wollte er eigentlich nicht. Er war ziemlich durcheinander, was ja auch kein Wunder war, nach der ganzen Aufregung am Tag. Er zog seine Kleidung bis auf die Unterwäsche aus, legte sie trotz allem sorgfältig auf den Boden und kroch dann wieder ins Bett. Tomoe lächelte ihn an und wünschte ihm eine gute Nacht. Ohne sich zu bewegen, löschte ein Roboter das Licht.

Usagi lag lange wach. Das intensive Training hallte noch in seinem Geist nach und auch die vielen irritierenden Eindrücke, die er den ganzen Tag über gesammelt hatten, liessen ihn nicht zur Ruhe kommen. Auch war ihm nie aufgefallen, dass Tomoe roch. Ihr Geruch löste seltsame Gefühle in ihm aus und das war auch nicht sehr hilfreich.

Als er am nächsten Morgen aufwachte, fand er zu seinem Schrecken Tomoe in seinen Armen wieder. Im Gegensatz zu ihm schlief sie noch tief und fest. Nicht auszudenken, wenn sie jetzt aufgewacht wäre! Vorsichtig versuchte Usagi sich von ihr zu lösen, aber sie lag auf einem Arm von ihm. Er legte sich sachte wieder hin und hoffte, dass sie sich nochmal im Schlaf bewegen würde, damit er den Arm herausziehen konnte. Während er wartete, schlief er nochmal ein und als er wieder hochschreckte, war er allein. Das Geräusch von fliessendem Wasser verriet ihm, wo sie war.

Kurze Zeit später kam sie ins Zimmer zurück. "Guten Morgen", wünschte sie ihm mit einem Lächeln.

"Guten Morgen", antwortete er.

"Gut geschlafen?"

"Äh ... nein. Ich konnte einfach keine Ruhe finden."

Tomoe nickte verstehend mit dem Kopf. "Der gestrige Tag war Nerven aufreibend."

Usagi lachte sarkastisch auf. "Ich habe gelernt den Tod anderer zu akzeptieren. Mich mit meinen eigenen Ängsten auseinander zu setzen und immer ruhig und gelassen zu sein. Aber das hier ..."

"Tja, was immer Pau tun wird, wir können es nur hinnehmen und hoffen, dass wir damit leben können."

'Oder uns töten, falls wir das nicht können', dachte Usagi, sprach es aber nicht aus. Dann kam ihm ein anderer, beunruhigender Gedanke: 'Was, wenn Pau das verhindern kann?'

"Richtest du dich dann auch?" riss Tomoe ihn aus seinen Überlegungen. "Unseren Gastgeber warten zu lassen, ist sicher nicht zu unserem Vorteil."

Usagi gab sich einen Ruck und ging ins Bad. Er stellte sich unter das hohe Rohr und liess abwechselnd warmes und kaltes Wasser fliessen, um seinen Kreislauf in Schwung zu bekommen. Als er einigermassen wieder bei Sinnen war, wusch er sich rasch und trocknete sich mit einem der dicken, weichen Tücher.

"Woher weisst du eigentlich, dass er wartet?" fragte er, während er sich trockenrubbelte.

"Ich habe den Roboter gefragt."

"Also reden sie zumindest noch mit uns. Hat er irgendwas Besonderes gesagt?"

Tomoe schüttelte nur den Kopf.

Usagi zog seine Kleidung wieder an. Sie fühlte sich neu und frisch an. Entweder hatte man sie über Nacht gereinigt oder er hatte einen neuen Satz bekommen. Wieder konnte er nur die meisterhafte Verarbeitung des Stoffes bewundern. Noch nie in seinem Leben hatte er etwas Vergleichbares gesehen oder gar selbst besessen.

'Dann bringen wir es hinter uns', dachte er und folgte mit Tomoe dem Roboter. Im Gegensatz zu gestern führte er sie aber in die andere Richtung. Bevor er sich Gedanken darüber machen konnte, war der Roboter in eine Nische in einer Gangkreuzung getreten. Die Nische war durch eine breite grüne Linie vom Gang abgetrennt. Tomoe und er sahen sich an und traten dann über die Linie in die Nische. Daraufhin drehte der Roboter sich wieder um und bat sie die Nische zu verlassen. Verwirrt gehorchten sie. Der Roboter trat ebenfalls aus der Nische und ging den Gang zurück. Sie beeilten sich, ihm zu folgen. Traten durch eine Tür und waren wieder in dem Raum, wo sie gestern gefrühstückt hatten. Usagi drehte sich um. Auf der anderen Gangseite müsste jetzt ihr Quartier sein, aber da war nur eine Wand.

"Ist etwas nicht in Ordnung?" hörte er Pau fragen.

Usagi versuchte seine Gedanken zu ordnen. Normalerweise konnte er sich auf seinen Orientierungssinn verlassen. Und verlaufen konnte er sich auf dieser kurzen Stecke sicher nicht. Sie waren nur den Gang in die eine Richtung gelaufen, in die Nische getreten und dann wieder zurückgekommen. Tomoe hatte die richtige Idee.

"Diese Nischen an den Gangkreuzungen ... sind das Transmitter?" fragte sie.

Wenn Pau überrascht war, so zeigte er das nicht. "Das ist richtig."

"Ich habe nichts bemerkt!" sprach Usagi.

"Das ist die Idee beim Materietransmitter. Ein Höchstmass an Komfort und Sicherheit", antwortete Pau lächelnd. "Sie haben schon fast die Raumschiffe verdrängt, weil sie so bequem sind. In einem Raumschiff kann es immer Unfälle geben, man kann im leeren Raum zwischen den Planeten stranden, die Technik kann versagen. Ausserdem dauert es immer ewig, bis man ankommt. Das ist ein wenig schade, denn der Weltraum hat auch viele wunderschöne Sehenswürdigkeiten zu bieten und wenn man nur mal schnell zu einem der vielen Aussichtspunkte hüpft, dann verliert man den Respekt vor der majestätischen Grösse und Ruhe der Weiten des Weltalls. Bitte setzt euch doch."

Wie gestern waren für Tomoe und Usagi Plattformen installiert. Zusätzlich war jetzt eine kleine Treppe vorhanden, so dass die Plattform problemlos zu erreichen war. Sie nahmen Platz.

"Ich muss mich entschuldigen, dass ich euch gestern alleine gelassen habe, aber ich hatte eine Menge Papierkram zu erledigen. Der Stützpunkt hier war lange verwaist und ich musste Material für die Wartungsarbeiten anfordern, die ganzen Modernisierungen in die Wege leiten und so weiter. Ausserdem wollte man von mir genau erklärt haben, warum ich die Burg ausgelöscht habe und was mit den Ninjas und euch passiert ist und so weiter. Ich schätze, das kennt ihr auch."

"Ihr habt es ihnen gesagt?" fragte Usagi vorsichtig.

"Was?"

"Dass ihr die Burg vernichtet habt."

"Natürlich. Schliesslich bin ich der Regierung Rechenschaft schuldig. Aber ich spüre, dass sich hinter der Frage eine andere versteckt. Möchtest du sie nicht stellen?"

Tomoe kam ihm zuvor.

"Wir haben uns gestern mit einem Ihrer Roboter unterhalten", begann sie bedächtig. "Er erzählte uns einiges über Sie und er sagte auch, dass es streng verboten ist, in Kontakt mit primitiven Kulturen zu treten."

"Ah, ich beginne zu verstehen, warum ihr heute so verschlossen sein. Ihr habt Angst, dass ihr Zeugen von etwas geworden seid, das niemand erfahren darf."

Tomoe und Usagi blickten ihn nur offen an.

"Nun, wie sagte einst ein weiser Mann: "An meinen Taten sollt ihr mich messen, denn anders als meine Worte sind sie ohne Falsch". Sicher hat euch der Roboter den offiziellen Sermon heruntergebetet, was für ein tolles Vorbild ich doch für alle sei. Und ich vermute mal, dass das eure Sorgen in keinster Weise gemildert hat."

"Was habt ihr mit den Ninjas vor?" fragte Usagi besorgt. Zwar hatte auch er hohe Achtung vor dem Leben und war zum einen froh, dass Pau nicht kaltblütig hunderte dahingeschlachtet hatte, auf der anderen Seite musste er jetzt fürchten, dass er ihnen nochmal in die Hände fallen würde. Oder jemand anders.

Pau Tai lächelte. "Unwertes Leben, Usagi" sagte er.

"Was?" kam es verwirrt zurück.

"Unwertes Leben. Die alte Frage. Gibt es unwertes Leben? Hat mein grösster Feind den Tod verdient? Er, der Unzähligen das Leben genommen hat. Der Unzähligen noch das Leben nehmen wird. Wer hat das Recht über einen anderen zu richten? Und wer richtet den Richter?" führte Pau aus.

Usagi senkte den Kopf. Diese Überlegungen waren ihm nur zu sehr vertraut. Er hatte mit Schrecken die Veränderung registriert, die die Folter der Ninjas bei ihm angerichtet hatte. Der brennende Hass. Die Befriedigung, wenn er einem die Knochen brechen konnte. Oder ihn zu töten.

"Niemand ist vor der Versuchung gefeit. Nur die, die denken, sie könnten nicht verführt werden, sind schon verloren", sagte Pau sanft. Er lächelte sein warmes Lächeln.

"Wenn du möchtest", begann Pau, "dann kann ich dir helfen dich selbst wieder zu finden."

Usagi konnte nur nicken. In seinem Hals hatte sich ein dicker Kloss aus Trauer gebildet. Eine Träne kullerte seine Wange hinunter und Tomoe nahm ihn in die Arme. Dann brach es mit Urgewalt aus ihm heraus.

Er schrie und heulte, als die Erinnerung wieder über ihn kam.

Der Schmerz.

Die Erniedrigung.

Die Hoffnungslosigkeit.

Die Verzweiflung.

Sorgsam genährt von einem entsetzlichen Feind.

Die Furcht und der Hass.

Wie er gespürt hatte, wie ein wichtiger Teil seiner Seele sich verhärtete.

Er stammelte die Schrecken seiner Folter.

Was man ihm alles angetan hatte, um ihn zu brechen.

Die seelischen Qualen.

Zu diesem furchtbaren Leben gezwungen zu werden und nichts tun zu können.

Die Vergewaltigung seiner Seele.

Und mit seinen Tränen floss alles aus ihm heraus.

Als es vorbei war, war Usagi völlig erschöpft. Er fand sich in der sanften Umarmung von Tomoe und Pau im Park wieder. Er versuchte sich schwach zu lösen, aber es tat so gut, umarmt zu werden.

Gehalten zu werden.

Frieden.

So gut.

Mit schwacher Stimme versuchte er sich für seinen Ausbruch zu entschuldigen.

"Hass und Angst verstümmeln die Seele", sprach Pau sanft in sein Ohr. "Solange du nicht weinen kannst, kannst du sie nicht aus Deiner Seele waschen. Sie werden wachsen und dich wie eine schwärende Wunde immer mehr schwächen, bis du ihnen am Ende zum Opfer fällst. Seine Seele mit Tränen zu reinigen ist die einfachste Art."

Usagis Kopf sank gegen den durchnässten Stoff von Paus Kleidung. 'Kaum zu glauben, dass ich so viele Tränen in mir hatte', dachte er schwerfällig und das Murmeln des Baches und das fröhliche Zwitschern der Vögel wiegte ihn in den heilenden Schlaf.

Als er wieder erwachte, war er immer noch erschöpft, aber auch ruhig. Eine grosse Last war von ihm gewichen. Er hatte sie unbemerkt über Jahre in sich getragen. Immer etwas mehr hinzugefügt.

Unbemerkt.

Aber jetzt war es fort.

Er war immer noch im Park. Jemand hatte ihn ausgezogen und in eine flauschige, weiche Decke gehüllt. Unter sich eine weiche und nachgiebige Masse, die wie eine Flüssigkeit schwappte. Neben ihm lag Tomoe, die noch immer schlief. Auch ihre Augen waren rot von Tränen, aber sie strahlte jetzt eine grosse Ruhe aus, die Usagi selbst empfand.

Neben dem Lager sass Pau Tai im Grass. Er beobachtete Usagi schweigend und mit einem leichten Lächeln auf den Lippen. Wortlos reichte er Usagi einen Schlauch mit Flüssigkeit. Usagi setze ihn an und trank gierig. Die Flüssigkeit schmeckt seltsam und köstlich. Pau ermunterte ihn mit Handzeichen, den Schlauch ganz auszutrinken. Als Usagi den leeren Schlauch zurückgab, erhielt er einen klebrigen Riegel aus Körnern und Früchten. Er ass ein wenig davon. Er schmeckte süss und ein wenig sauer. Dann griff die Erschöpfung wieder nach ihm und er versank wieder in einem tiefen, ruhigen Schlaf.

Als er das nächste Mal aufwachte, was es dunkel, aber Pau war immer noch da. Usagi verspürte das dringende Bedürfnis auf die Toilette zu gehen, fühlte sich aber immer noch zu schwach aufzustehen. Als ob er seine Gedanken erraten hätte, hob Pau Tai ihn auf und trug ihn zu einem Busch. Er stützte Usagi, während er sich erleichterte. Dann trug er ihn wieder zurück. Usagi sparte sich den sinnlosen Protest. Er war kaum stark genug zu stehen. Erstaunlich, wie viel Kraft ihn die Reinigung gekostet hatte. Er trank nochmals, ass den Riegel auf und noch einen halben, drehte sich um und war wieder weg.

Am nächsten Morgen ging es Usagi schon besser. In bequemer Reichweite lagen der Wasserschlauch und mehrere Riegel. Usagi holte sich etwas her und blieb liegen. Er genoss das Gefühl der Ruhe und des Friedens in seinem Inneren. So ausgeglichen hatte er sich schon lange nicht mehr gefühlt. Etwas entfernt machte Pau Tai auf der Kuppe eines kleinen Hügels Übungen voller Gleichmässigkeit und Harmonie. Usagi drehte sich etwas auf die Seite, so dass er ihn ohne Anstrengung beobachten konnte. Er trank und biss von seinem Riegel ab und beobachtete.

Manche von den Elementen der Übungen erinnerten Usagi an Kampftechniken, während andere eher einem Tanz entsprungen zu sein schienen. Man konnte die Harmonie, die Pau ausstrahlte fast körperlich spüren. Ruhig und gleichmässig zog er seine Bahn, ruhend und doch im Fluss.

"Schön, nicht?" meinte Tomoe.

Usagi drehte den Kopf nach hinten und konnte einen kurzen Blick auf sie erhaschen. Sich ganz umzudrehen wäre ihm jetzt viel zu schwer gefallen. Daher beschränkte er sich darauf zu nicken.

"Ich beobachte ihn jetzt, seit er angefangen hat. Es gibt einem ein wunderbares Gefühl der Ruhe."

Usagi konnte ihr nur stumm beipflichten.

Nach einer ganzen Weile beendete Pau seine Übungen und kam zurück. "Guten Morgen", sagte er sanft, als er sich an den Rand ihres Lagers setzte.

"Danke", antwortete Usagi.

Auch Tomoe bedankte sich.

"Danke", antwortete Pau und lächelte.

Dann schwiegen alle und genossen die Ruhe bis sich mehrere Roboter mit Essen näherten.

"Nun, was darfs sein?" fragte Pau verschmitzt. "Wir haben frische Brötchen und Brot. Reisbällchen und Tofu. Und Milch und Butter. Hier gibt es Honig und verschiedene Marmeladen. Und da sehe ich Fisch und Tokagé."

"Aufhören!" rief Usagi, dem was Wasser im Munde zusammenlief, in gespielter Verzweiflung. "Ein Brötchen mit Fisch! Und schnell oder ich werde zu schwach sein es zu essen!" lachte er.

"Hey!" kam es hinter ihm. "Wo bleibt deine Höflichkeit gegenüber einer Dame?"

"Dame? Ich sehe hier keine Dame", frotzelte er, was ihm einen Knuff eintrug. "Siehst du, was ich meine? Auf einen wehrlosen Hasen loszugehen!" Er biss gierig in das warme, knusprige Brötchen. Köstlich.

Bald war der erste Hunger gestillt und Pau konnte etwas langsamer machen. Geduldig schnitt er die Brote auf, schmierte sie und fütterte die beiden. Das einzige, was Usagi ein ganz klein wenig störte, waren die ganzen Brösel, in denen er nach kurzer Zeit lag. Immer wenn er sich bewegte knirschte es vernehmlich. "Ja, ja, die alten Knochen", spottete Pau, worauf Tomoe heftig lachen musste und das Lager gefährlich zu schwappen anfing.

"Hey!" protestierte Usagi, "ich werde hier seekrank!"

Nach dem üppigen Frühstück ging es beiden viel besser. Pau half ihnen nochmal aufs Klo und als sie zurück kamen, lagen neue Decken bereit und das Lager war wieder sauber. Mit einem glücklichen Seufzer liessen sich beide wieder nieder und genossen den Frieden noch ein wenig.

"Wo sind die Ninjas jetzt eigentlich?" fragte Usagi ruhig.

Pau tippte auf seinen Kopf und Usagi sah ihn fragend an.

"Ich dachte, du hättest inzwischen gelernt, dass es gefährlich sein kann mich etwas zu fragen", schmunzelte Pau.

"Und, ist das eine gefährliche Frage?" wollte Tomoe wissen.

Pau zuckte mit den Schultern. "Ich verfüge über eine Art Lager an einem Ort, wo es Raum, aber keine Zeit gibt. Das bedeutet, ich kann etwas dort hineintun und es irgendwann wieder herausholen, aber für das, was ich hineingetan habe, wird keine Zeit vergangen sein, weil es im Lager einfach keine Zeit gibt. Dort bewahre ich z.B. Lebensmittel auf. Wenn ich sie wieder heraushole, sind sie genauso, wie ich sie hineingetan habe. Dort sind auch einige meiner Feinde und manchmal Leute wie die Ninjas, solange ich noch nicht entschieden habe, was mit ihnen geschehen soll", antwortete er ruhig.

Usagi war fasziniert. Aber eine Sache kam ihm seltsam vor. "Wie kannst du etwas hineintun? Dazu musst du es doch bewegen, oder? Und Bewegung braucht immer Zeit!" argumentierte er.

Pau lachte auf. "Ein scharfer Verstand. Ja, das ist richtig. Das Ein- und Auslagern ist kein Problem. Es funktioniert so ähnlich wie die Transmitter. Das eigentliche Problem ist es, im Lager etwas zu suchen. Da es dort keine Zeit gibt, kann ich z.B. nicht darin umherlaufen. Ich muss mir also genau merken ... wo ich etwas hingetan habe, oder ich werde es nicht wiederfinden. Oder, möglicherweise noch schlimmer, ich würde etwas Falsches herausholen. Manchmal stecke ich z.B. aktive Sprengkörper dort hinein. Ich kann sie dann gefahrlos eine beliebige Strecke transportieren und irgendwo, wo niemand verletzt werden kann, wieder ablegen und mich aus dem Staub machen."

"Statt eines Geschenks würdest du dann aus Versehen jemand eine Bombe in die Hand drücken", führte Tomoe den Gedanken fort.

"So in der Art", bestätigte Pau.

"Und wie viel schleppst du so mit dir herum?" fragte Usagi, dessen Wissensdurst noch lange nicht gestillt war.

"Ein paar hunderttausend Objekte", antwortete Pau leichthin.

"Und du weisst bei allen, was es ist?" wollte Usagi verblüfft wissen.

"Äh", begann Pau, "bei fast allen" gab er zu. "zwei Dinge habe ich tatsächlich schon darin verloren."

"Zwei von hunderttausend?" lachte Usagi. "Oh je, wenn ich nur daran denke, was ich alles schon verloren und vergessen habe!"

"Meinen Geburtstag", kam es von hinten. "Dein Geld. Mich", begann Tomoe und sie war drauf und dran die Liste trotz der heftigen Proteste von Usagi fortzusetzen. Sie küsste ihn auf den Kopf und er beruhigte sich schnell wieder. "Aber ich weiss ja, was ich an dir habe", sagte sie schelmisch.

Nachdem sich alles wieder etwas beruhigt hatte, fragte Usagi, was denn die nächsten Pläne von Pau wären.

"Nun, ich warte auf eine Antwort auf meine Anfrage an den Rat. Ich muss auf eurer Welt noch einige Kleinigkeiten wieder ins Lot bringen, die durch die Vernichtung der Burg in Unordnung geraten sind. Ich habe ein paar Vorschläge gemacht und diese werden jetzt analysiert und man wird sich für einen entscheiden. In der Zwischenzeit helfe ich euch zu regenerieren. Das wird etwa noch eine Woche in Anspruch nehmen und bis dahin sollte der Rat sich entschieden haben."

"Euer Rat beschäftigt sich mit unserer Welt?" fragte Usagi beeindruckt.

Pau musste schmunzeln. "Der Rat kümmert sich grundsätzlich um alles, was sich irgendwie zwischen den Welten abspielt, also z.B. auch wenn man, wie ich, von aussen Eingriffe vornimmt. Diese müssen abgesegnet sein. Aber der Rat besteht aus vielen Gruppen, wobei jede sich um etwas Spezielles kümmert. Es gibt Gruppen, die sich mit ethischen und moralischen Auswirkungen von verschiedenen Forschungsrichtungen auseinander setzen, Gruppen, welche sich um Beziehungen zwischen den verschiedenen Völkern und Zivilisationen kümmern und so weiter. In der Regel wird dann die ganze Galaxis noch in kleinere Parzellen unterteilt, damit das Ganze überhaupt handhabbar wird."

"Aber das betrifft euch alles nicht. Was anderes, du möchtest sicher deine Waffen zurück haben, wenn ich euch wieder auf der Erde absetze."

"Und?"

"Soll ich sie vorher nochmal pflegen lassen? Scharten entfernen, neu härten und so?"

Usagi stellte überrascht fest, dass er Pau vertraute. Wenn er sagte, dass er seine Waffen wiederbekommen würde, dann würde das so sein. Bis dahin würde er warten.

"Ich weiss, dass diese Waffen Dir sehr viel bedeuten, ja dass du sie als Teil deiner Seele betrachtest. Daher habe ich die Anweisung gegeben, sie nur aufzubewahren und keine Veränderungen daran vorzunehmen."

Usagi überlegte.

"Du musst dir vor allem überlegen", fügte Pau hinzu, "welche Korrekturen du akzeptieren kannst. Normalerweise würde das Schwert zerlegt und praktisch komplett ausgetauscht werden. Von unserer Warte aus gesehen ist das Metall der Klinge minderwertig, der Griff nicht haltbar genug und die Scheide hat auch schon bessere Tage gesehen. Daher würde der Roboter dir praktisch ein neues Schwert zurückgeben, dass nur noch in etwa die gleiche Grösse und das gleiche Gewicht hat."

Usagi antwortete, dass er es sich überlegen werde.

"Gut. Was ist mit euch, Tomoe?"

"Das Gleiche. Ich muss in Ruhe darüber nachdenken."

"Möchtest du dem Ausbilder vergeben?" fragte Pau auf einmal. Usagi blickte ihn überrascht an. Er überlegte. Der Gedanke dem Ausbilder nochmals gegenüberzutreten hatte viel von seinem Schrecken verloren, aber trotzdem war er noch nicht bereit. Stumm schüttelte er den Kopf.

"Was wirst du mit ihnen machen?" fragte Tomoe.

"Das wird sich daraus ergeben, welchem meiner Vorschläge der Rat zustimmt."

"Und wenn sie einen Eigenen bringen?"

"Dann werde ich das tun, was der Rat beschlossen hat."

"Warum? Du bist doch sicher mächtig genug, um Tun zu können, was du für richtig hältst! Warum beugst du dich dem Rat?" wollte Tomoe neugierig wissen.

Paus Blick richtete sich in die Ferne. "Es stimmt, ich könnte mit dem Rat den Boden aufwischen, ihm jeden meiner Wünsche aufzwingen. Aber in diesem Punkt bin ich wie Usagi. Wenn sich jemand in der sozialen Hierarchie über mir befindet, dann akzeptiere ich das, solange mein Vertrauen nicht missbraucht wird. Wenn sich eine Person als korrupt herausstellt, dann gehe ich, wie er, gegen sie vor, wobei es dann wieder egal ist, wer sie ist. Ich sehe einfach meinen Platz als wichtig und daher verstehe ich, dass die anderen auch wichtig sind. Ich sehe, was ist und unterbreite Vorschläge, was man tun kann."

"Aber letztlich", fuhr er fort, "konzentriere ich mich auf Details und jemand anders muss den Zusammenhang sehen. Welche Auswirkungen meine Handlungen auf die haben, die ich nicht berücksichtige, muss jemand anders herausfinden und mir diese Informationen geben. Aber das kann ich nicht auch noch tun und daher funktioniert das Ganze so, wie es ist, recht gut. Man vertraut mir, dass ich einen geübten Blick für wichtige Details habe, dass ich keine relevanten Informationen unterschlage und dass ich Entscheidungen letztlich korrekt umsetze. Und ich vertraue, dass man meine Macht nicht missbraucht."

"Ohne dieses gegenseitige Vertrauen wäre eine Machtkonzentration, wie ich sie darstelle, nicht denkbar. Das ist ein Grund, warum es so etwas wie mich bei einfacheren Kulturen nicht gibt. Sobald eine Partei die Übermacht erhält, wird die andere Seite, so sie kein Vertrauen hat, mit allen Mitteln dagegen halten. Egal um welchen Preis."

"So", beendet er das Thema. "Zeit mal wieder ein bisschen was für die Gesundheit zu tun.". Sprachs und warf die beiden in den nahen Teich. Prustend kamen sie wieder an die Oberfläche und begannen Pau nasszuspritzen, während der sich auszog. Mit grimmigem Blick watete er ins Wasser auf die beiden zu. Mit gespieltem Entsetzen schwammen sie davon. Hell klang ihr Lachen und Kreischen durch den Park. Es war eine Wohltat die alten Tränen, den Rotz und den Schmutz abzuwaschen. Als sie wieder aus dem Wasser kletterten, um sich abzutrocknen, fühlten sie sich so gut, wie schon lange nicht mehr. Sie assen Sushi zum Mittag und liefen dann ein wenig durch den Park.

Pau zeigte ihnen einige der besonderen Orte im Park und erklärte ihre symbolische Bedeutung. Sie bewunderten einige Wannen mit Bonsais, fast schon ein kleiner Park im Park. Sie tranken Tee an einem See aus Kieselsteinen, in die jemand mit einem Rechen Wellenmuster gezogen hatte. Um jeden Stein hatte er Ringe gelegt, die die langen, eintönigen Längswellen des Sees unterbrachen.

Sie gingen durch einen kleinen Urwald, der vor pflanzlichem Leben nur so strotze. Die Luft war so feucht, dass das Atmen schwer fiel. Wunderschöne Orchideen wuchsen auf enormen Bäumen. Die Bäume waren so hoch, dass man die Decke des Parks für sie hatte durchbrechen müssen. Oben konnte man sieben Galerien sehen, die um die Öffnung herumführten.

"Der Stützpunkt muss ja riesig sein", meinte Usagi. "Warum lebt hier niemand?"

"Normalerweise werden solche Stützpunkte nur besetzt, wenn ein System wegen Verdachts auf Technologieschmuggel oder illegale Einflussnahme überwacht werden muss. Eigentlich sind sie als Basis für eine militärische Eingreiftruppe gedacht, die ein System schützen soll, solange es das nicht selbst tun kann. Alle Stützpunkte sind in etwa gleich gross und da die Grösse eigentlich keine Rolle spielt, legt man grösser an, als notwendig."

"Aber das muss doch sehr teuer sein", überlegte Tomoe. "Ein doppelt so grosser Stützpunkt kostet doch auch viel mehr. Mehr Leute müssen ihn anlegen und es dauert länger."

"Nun ja", begann Pau und Usagi ahnte, dass da gleich wieder was kommen würde. "Die Stützpunkte werden von speziellen Robotern erbaut und die verlangen keinen Lohn. Die Roboter selbst werden wieder von anderen Robotern gebaut, daher kosten sie auch nichts und auch die Rohstoffe, die man braucht ..."

"Wieder Roboter", vollendete Tomoe den Satz.

"So ist es. Es kostet also nur den Aufwand einem Roboter die Anweisung zu erteilen. Und dieser Stützpunkt hier wurde ca. in fünf Tagen errichtet. Viereinhalb."

Usagi lachte laut auf und Tomoe konnte nur den Kopf schütteln. Es war einfach unglaublich. In der Zeit in der Bauern eine neue Hütte errichteten, erschufen sie einfach eine Stadt, die so gross war, dass man fünf Tage lang umherwandern konnte und am Ende wahrscheinlich immer noch nicht alles gesehen hatte.

Dann blieb ihm aber das Lachen im Halse stecken. "Und jetzt stellen wir uns mal kurz vor, was für Feinde ich haben muss, wenn ich so etwas machen kann", meinte Pau trocken. Das war ein beunruhigender Gedanke.

"Keine Sorge", lächelte Pau. "Der eine Teil meiner Feinde ist tot und der andere, nun, sicher aufgehoben."

'Unglaublich', dachte Usagi. 'So ähnlich muss es sein, ein Kami(19) zu sein, ein lebender Gott.'

19. Gottheit

Fortsetzung

Usagi Yojimbo and Pau Tai Teil 1: Die andere Seite des Mondes